Cappuccino
Das leuchtende Wunder in der Sandale

«In der Natur hat alles Schöne nur mit Sex zu tun.» Das sagt Holger Frick, Kurator der Sonderausstellung «Sexperten», die diese Woche im Naturama in Aarau eröffnet wurde.

Katja Schlegel
Katja Schlegel
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Den Beweis liefern rund 50 ausgestopfte Viecher: Die Rothirsche mit ihren gewaltigen Geweihen, das Birkhuhn-Männchen mit den geschwollenen, knallroten Brauen und dem schillernden Federkleid, der Höckerschwan, der elegant vor seiner Angebeteten tanzt und wirbelt, und der Pirol, dieser kleine, knallgelbe Vogel, der so kompliziert wie nur irgend möglich singt.

Alles Schöne nur für das eine. All die Farben, Gesänge und Tänze aus purer Berechnung. Alle Romantik ist dahin, das verklärte Weltbild zerschmettert. Sex, um nichts anderes geht es.

Bis zum bitteren Ende: Die beiden in der Ausstellung gezeigten Rothirsche sind bei ihrem Kampf ums Leben gekommen, weil sie im Adrenalinrausch einen Zaun nicht bemerkten, sich im Draht verhedderten und qualvoll starben – nicht, ohne dem Gegner bis zum letzten Atemzug mit dem Geweih contra zu geben.

Das Birkhuhn-Männchen wird gefressen, weil seine Schmuckfedern lang und schwer sind und er nur schlecht vor Feinden flüchten kann. Und der Höckerschwan – das Symbol für ewigwährende Romantik – ist ein notorischer Fremdgänger, der sich bei der Paarung im Wasser selbst am nächsten ist und in Kauf nimmt, das Weibchen dabei zu ersäufen.

Im Gegenzug kaut die Gottesanbeterin ihrem Männchen während der Paarung den Kopf oder mehr ab – zwecks optimaler Proteinversorgung. Trost für ihn: Lässt er sich fressen, darf der Rest des Körpers fast einen Tag lang ran. Mit Kopf dauert die Paarung nur ein paar Stunden.

Eigentlich wissen wir vieles davon schon, kennen es aus eigener Erfahrung. Ob geschwollene Brauen oder geschwollener Bizeps ist wurst: Was zum Ziel führt, haben wir längst von den Tieren kopiert. Bis auf eines, das ultimativ erstrebenswerte Argument für Disco-Könige.

Sie kennen den Tigerschnegel? Diese bis zu 20 Zentimeter lange Nacktschnecke, die beim Urlaub im Tessin am Morgen gerne in den vor dem Zelt vergessenen Sandalen klebt?

Gleichzeitig Mann und Frau, seilen sich zwei sich sympathische Schnecken bei der Paarung an einem Schleimfaden von einem Baum ab. Dabei fahren sie ihre weissen Penisse aus, die – Achtung, liebe Männer – fluoreszierend sind. Wozu das gut sein soll, weiss kein Mensch. Aber dass ausgerechnet ein dermassen garstiges Wesen etwas hat, worauf Menschenmänner eifersüchtig sein können, ist doch irgendwie gerecht.

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