Sprachriff
Das Leben muss heute «gelingen»

Heimito Nollé
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KEYSTONE/GAETAN BALLY

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Bald kommt die Zeit, in der wir wieder gute Vorsätze fassen dürfen. Mehr Sport treiben, abnehmen und sich gesünder ernähren gehören zu den beliebtesten Vorsätzen, wie eine Studie kürzlich wenig überraschend herausfand. Der Wunsch, sein Leben zu verbessern (optimieren!), ist menschlich. Es wird uns aber auch täglich von aussen gepredigt. Was wir wirklich wollen und was wir nur zu wollen glauben, lässt sich kaum mehr unterscheiden.

Sprachlich spiegelt sich der Zwang zum Erfolg in der epidemischen Rede vom «gelingenden» Leben. Irgendwie hat es sich eingebürgert, dass man nicht mehr schlicht vom guten oder glücklichen Leben spricht, sondern nur noch vom «gelingenden» Leben. Während das gute oder das glückliche Leben einen Zustand beschreiben, suggeriert das «gelingende» Leben einen permanenten Prozess der Arbeit an sich selbst.

Auch Krankheit, Altern und Sterben müssen heute «gelingen». Besonders seltsam klingt es, wenn von «gelingendem» Sterben die Rede ist. Kann Sterben gelingen? Wer schon Menschen sterben gesehen hat, weiss, dass Erfolgsrhetorik fehl am Platz ist. Es mag das schmerzfreie und das friedliche Sterben geben, aber es gibt kein «gelingendes» Sterben. Wir schlagen es an dieser Stelle zum Unwort des Jahres vor.