Fahrländer
Das Jubiläum hilft den Reformierten

Hans Fahrländer
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Reformator Martin Luther.

Reformator Martin Luther.

Keystone

1517, 2017 – die Welt feiert dieses Jahr 500 Jahre Reformation. Zwar erfolgte Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg erst am 31. Oktober 1517, zwar kam die Reformation in der Schweiz erst einige Jahre später ins Rollen (durch Zwinglis Wirken in Zürich). Trotzdem wird das Jubiläum auch hierzulande das ganze Jahr präsent sein und der «schwächelnden» reformierten Kirche (Zitat von Niklaus Peter, Pfarrer am Zürcher Fraumünster) etwas von der dringend benötigten Aufmerksamkeit bescheren.

Der Aargau hat in der konfessionellen Geschichte der Schweiz immer wieder eine zentrale Rolle gespielt. Das begann mit der «Badener Deputation» vom Mai 1526, als die katholischen Orte an der Tagsatzung vergeblich versuchten, die Reformationsbewegung zurückzudrängen. Das Ringen um den «richtigen» Glauben zwischen reformierten, zentralistisch und fortschrittlich geprägten Stadt-Kantonen und katholischen, föderalistisch und konservativ geprägten Land-Kantonen beeinflusste die Schweizer Geschichte über Jahrhunderte. Höhe- oder Tiefpunkte waren zum Beispiel die Villmerger Kriege von 1656 und 1712, die Aargauer Klosteraufhebung anno 1841 – und natürlich der Sonderbundskrieg mit dem Sieg der fortschrittlichen Kantone, der 1848 zur Gründung des Bundesstaats führte. Der Aargau lag stets «dazwischen», war stets beides, ländlich und städtisch, konservativ und liberal, katholisch und reformiert.

Und heute? Der Aargau gilt immer noch als paritätisch – reformiert der Berner Aargau, katholisch der Osten – obwohl sich das längst vermischt hat. Beide Kirchen kämpfen gegen Mitgliederschwund; die meisten Menschen glauben zwar «irgendetwas», aber die Landeskirchen sagen ihnen nicht mehr viel. Die reformierte Kirche hat es noch etwas schwerer, weil sie trockener ist, weniger sinnlich, weniger «eventbezogen». Und natürlich – die Reformierten haben keinen Papst! Der Kult um den Pontifex kommt der katholischen Kirche in der heutigen Zeit entgegen und gelegen. Dabei haben auch die Reformierten ihre Leitfiguren, auf nationaler Ebene etwa Kirchenbundspräsident Gottfried Locher, der gerne etwas provoziert, über das Eidgenössische Schwingfest schreibt oder sich positiv zur käuflichen Liebe äussert. Sein Pendant im Aargau ist Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg, ein gescheiter, umgänglicher Mensch mit klaren Meinungen, Dozent in Unternehmensethik, der sich niemals in den religiösen Elfenbeinturm zurückzieht. Bloss, wer kennt ihn? Vielleicht bringt das Jubiläumsjahr Gelegenheit, dieses Manko ein klein wenig zu verringern.

Hans Fahrländer war Chefredaktor der Aargauer Zeitung und schreibt über Aargauer Politik. – E-Mail: hans.fahrlaender(ad)azmedien.ch

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