Kommentar
Das Ich am Catwalk der Mode

Die Gedanken des «Nordwestschweiz»-Autors Max Dohner zur Begriffsverwirrung um das «echte Ich», die jetzt gar die Kultur erfasst.

Max Dohner
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Unser Autor erklärt, was es mit dem "echten Ich" auf sich hat. (Symbolbild)

Unser Autor erklärt, was es mit dem "echten Ich" auf sich hat. (Symbolbild)

KEYSTONE/EPA/DAVID CHESKIN

Der Schriftsteller Urs Faes erzählte diese Woche im Literaturhaus Lenzburg, er habe mit zwölf begonnen, Tagebuch zu schreiben. Im Lauf des Notierens sei dann, beinahe unmerklich, das «Ich» in ein «Er» übergegangen – wohl der Anfang des Antriebes, aus Alltag Literatur zu machen. Der Gesprächsleiter des Abends sagte, Faes, gerade siebzig geworden, habe sich nie nach der Mode gerichtet. Wirkt darum vielleicht das «Er» in Romanen heute eher démodé? Abgesehen davon, dass Faes an Schreibheft und Stift festhält, auch unterwegs, und das elektronisch singende 11er-Tram von heute bei ihm noch immer «ruckelt».

Vom Ich abzurücken, um etwas mitzuteilen – ist das wirklich altmodisch geworden? Das «Ich» scheint nicht nur Kleinunternehmern Flügel zu verleihen, in den zahllosen «Ich-AGs», die gestartet werden. Das «Ich» ist generell zur Turbine pausenloser Selbstreferenz geworden, für Selbstzweifel und Selbstberauschung. Wirkt mithin dramatischer, mindestens fiebriger als jedes «Er», das still und gleichmässig die Bilder rundherum sammelt und notiert, fromm im altehrwürdigen Glauben, das lasse Welt gerinnen.

Romane in «Er»-Form würden nur noch langweilen, sogar klassische, schrieb kürzlich Peter Praschl, Autor bei der deutschen «Welt». Das «Er» bedeute Fiktion, und bei fiktiven Romanen «hielt ich es irgendwann nicht mehr aus». Praschl war der erfundenen Geschichten überdrüssig geworden: «Sie kamen mir zu ‹billig› vor, wie eine Masche, die ich längst durchschaut hatte, auf die ich nicht mehr hereinfiel.» Im Gegensatz dazu rühmt Praschl eine Reihe von Büchern moderner Autoren, deren autobiografische Stoffe ihn überraschend anders gepackt hätten. Dabei sind auch Texte aus dem Genre, das man in den USA «personal Essay» nennt. Darin berichten Autoren aus ihrem Leben, Antihelden allesamt in der Attitüde, vorgeblich frei von Angst, sich bis auf die Socken zu blamieren mit ihren morastigen Gefühlen, schmuddligen Neurosen und miesen Süchten: «Ihre radikalen Ich-Texte», lobt Praschl, «sind mutiger als Romane.»

Hat der Mann kein Problem mit Narzissten, mit Selbstbespiegelung, aufgeblasenen Nichtigkeiten? Die Flut an privaten Schnipseln, die aus den Sozialplattformen quillt, hat man doch schneller satt als eine kunstvolle Erfindung. Das juvenile Ich-Bling-Bling in den Medien hat das Zeug, uns über Nacht alt zu machen und den letzten gespenstischen Frohsinn auszutreiben. Adorno schreibt, der deutsche Philosoph, es sei «bei vielen Menschen bereits eine Unverschämtheit, wenn sie ‹ich› sagen.» Unverschämt – und mitunter zum Erbarmen. Das Resonanzheischen aufs Ich lässt alle aufs Handy starren. Es beraubt den Einzelnen jeglicher Souveränität. Im Ich-Löffeln, Ich-Fischen, Ich-Haschen versickert das Ich gerade wie in tausend Poren. Die Sucht am Handy zerstäubt jede Aussicht auf Würde.

Auf den Einwand des Narzissmus hat Autor Peter Praschl durchaus etwas zu entgegnen: «Ist es nicht viel narzisstischer, von Lesern zu erwarten, für Erfindungen gelobt zu werden? Ich-Texte kommen mir bescheidener vor. Sie erheben nicht den Anspruch, der wirklichen Welt eine fiktive entgegenzusetzen; sie verzichten auf den Drang nach Verallgemeinerungsfähigkeit, der an der Literatur manchmal so unangenehm stört.»

Darf ein Mann des Feuilletons naiv tun? Indem er Fiktion und Wirklichkeit zu bipolaren Sphären erklärt? Vielleicht um der Provokation willen. Ansonsten wäre die Behauptung wunderlich hilflos, Schriftsteller setzten eine fiktive Welt der wirklichen entgegen. Die Bemerkung wird auch kein Jota weniger platt dadurch, dass viele Literaten selber solchen Unsinn reden. Welcher Wirklichkeit wird die Fiktion entgegengesetzt? Welcher von dreien, oder von tausendundeiner?

Es gibt nicht die Wirklichkeit. Den Traum erleben wir real, die Realität oft wie Nebel, wie eine Parodie oder Travestie des Wahren. Das Tiefste ist Wind, der durch die Seele weht – oder die Seelen. Davon spricht Marion, Dantons Geliebte in Büchners Revolutionsdrama: «Ich kenne keinen Absatz, keine Veränderung. Ich bin immer nur eins; ein ununterbrochenes Sehnen und Fassen, eine Glut, ein Strom.» Ja – das sagt Marion in der Ich-Form. Aber sie erzählt vom Strom, von nicht zu unterscheidenden Schichten, Strudeln und Fluten, die ein Ich zusammensetzen. Dieses Medium namens Marion hat Bedeutsames zum Ich aller zu sagen, wenn ein Meister es erkennt, um es in Kunst zu verwandeln.