Kolumne
Das Etappenglück

Eine Kolumne zum Thema Flüchtlinge von der SRF-Redaktorin Susanne Wille

Susanne Wille
Susanne Wille
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Eine Zwischenetappe der Flüchtlinge (Symbolbild)

Eine Zwischenetappe der Flüchtlinge (Symbolbild)

/AP/PETROS GIANNAKOURIS

Irgendwann geben sie auf, die Sicherheitskräfte. Der Ansturm ist zu gross. Zu viele Menschen wollen die Grenze passieren. An jenem Sonntag, als Mazedonien die Sperre aufgeben muss, verfolge ich das Geschehen am Fernsehen und surfe parallel im Internet.

Die schnelle, von hoher Computermacht gesteuerte Suchmaschine spuckt bei den Begriffen Mazedonien und Flüchtlinge an erster Stelle Tipps für Städtereisen aus. Der prominenteste Treffer ist eine Website, die mich animieren soll, sofort in den Urlaub zu fliegen.

Gibt es denn einen Ausdruck für den gefühllosen Algorithmus, der die Korrelation der Begriffe nicht in einen pietätsvollen Kontext zu legen vermag? Nein, gibt es nicht. Die Vermarktung im Netz ist ein eiskalter Roboter.

Vom Aufstand der Anständigen und rassistischen «Tipplingen»

Und gibt es ein Wort für das Verfassen der rassistischen und menschenverachtenden Kommentare, die derzeit in Onlineforen auftauchen? Selbstverständlich, man darf die Flüchtlingspolitik kritisieren, man darf sie auch scharf kritisieren.

Die freie Meinungsäusserung ist zentral in einer Demokratie. Ja, man darf Angst haben um das eigene Land, man darf sein Unbehagen verbalisieren. Aber anderen Menschen den Tod wünschen, sie aufgrund ihrer Herkunft verachten, gar zu Gewalt gegen sie aufrufen? Nein, das darf man nicht.

Es gibt eine Gegenbewegung. Vom Aufstand der Anständigen ist inzwischen die Rede. Schön und gut. Ich glaube weniger an einen Aufstand als an gewisse Regeln, die schlicht und einfach befolgt werden müssen.

Als Leim für die Gesellschaft. Oder um der Hölle, die wir laut Jean-Paul Sartre selber sind, auszuweichen. Dazu gehört, dass man primitiven Hass nicht einfach öffentlichmachen darf. Das Schweizer Fernsehen hat letzte Woche seine Politik für das Onlineforum geändert. Neu muss sich mit E-Mail-Adresse und Mobilnummer eindeutig registrieren, wer einen Kommentar abgeben will.

Zu viele Einträge waren verletzend. Multimediaredaktor Konrad Weber betonte, dass rassistische, diffamierende und in sonstiger Weise zu Gewalt aufrufende Äusserungen auf srf.ch nichts zu suchen hätten.

Wie nennt man sie also, die Menschen, die blindlings in die Tastatur reinhauen? Man könnte sie Tipplinge nennen. Feiglinge, weil sie denken, sich vor keiner Konsequenz fürchten zu müssen. Vielleicht ist es einfach ein Zeichen der Zeit, dass jeder und überall mit seiner Meinung auf ein Publikum stösst und in den sozialen Netzwerken Likes und Retweets generieren kann, mögen die Worte noch so verfassungswidrig sein. Tolerieren dürfen wir das Phänomen deswegen noch lange nicht.

Etappenglück und das tragische Schicksal von Nikolai

Auch für vieles andere, was derzeit passiert, fehlen Begriffe. Wie etwa benennt man den Gefühlszustand, den ein Familienvater auf der Flucht durchlebt, wenn er seine Kinder durch ein Loch im Stacheldraht über die Grenze schiebt?

Was spürt er in dem Moment, wo er selber den ersten Fuss auf die andere Seite setzt? Im Wissen darum, dass er es geschafft hat, während hinter ihm noch Hunderte ausharren. Er ahnt, dass es längst noch nicht vorbei ist. Dass vor ihm noch viel Ungewissheit und Risiko liegen. Und trotzdem fühlt er so was wie Glück. Vielleicht kann man es Etappenglück nennen.

Wie im Fall von Nikolai. Mein Vater, der früher Lehrer war, bekam 1989 einen neuen Schüler. Der Junge war mit seiner Familie aus Bosnien in die Schweiz geflohen. Ich sehe das Gesicht von Nikolai noch vor mir.

Er war auffällig wissbegierig, freundlich. Er war der kleinste Schüler der Klasse. Beim Schuleintritt sprach der Flüchtlingsjunge kein Wort Deutsch. Mein Vater behalf sich eines serbo-kroatischen Wörterbuches, stand doch wenige Wochen das Schullager vor der Türe.

Nikolais Ziel war, eine Lehre als Automechaniker zu machen. In kurzer Zeit lernte er Deutsch, bekam eine Lehrstelle, schloss diese erfolgreich ab. Aber es war – auch hier – nur Etappenglück.

Er war zwar aus den Kriegswirren geflohen und hatte sich ein neues Leben aufgebaut. Doch als mein Vater viele Jahre später die Eltern von Nikolai traf, erzählten sie, dass ihr Sohn tot sei. Bei seinem Besuch bei Verwandten in der alten Heimat sei am Fluss Save eine Bombe hochgegangen.

Ich sage nicht, dies sei eine typische Flüchtlingsgeschichte. Ich sage nur, dass mir in diesen Tagen Nikolai oft in den Sinn kommt. Und dass einem – für ein Leben wie seines – die Worte fehlen.