Apropos
Danke, lieber Nanny-State

Pascal Ritter
Pascal Ritter
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Der Staat als Kindermädchen. (Symbolbild)

Der Staat als Kindermädchen. (Symbolbild)

Keystone

Wer sich für liberal hält – und das tun immer mehr –, lästert gerne über den Staat und seine Beamten. Weil er überall Vorschriften macht und sie alles kontrollieren, spricht man auch vom Nanny-State. Der Staat als Kindermädchen. Dass das Geläster unfair ist, merkt man erst, wenn man auf die Nanny angewiesen ist. Als ich neulich im Tram der Linie 11 ein hastiges Aussteigemanöver vornahm, blieb mein Mobiltelefon zurück. Panik und Schweissausbrüche waren die Folge. Es stellte sich heraus, dass der Alltag ohne Handy um einiges schwieriger geworden ist, seit vieles nicht mehr im Hirn, sondern in der Cloud gespeichert wird.

Nur Nanny konnte nun noch helfen. Einen solchen Verlust kann man mittlerweile in einem Onlineformular eingeben. Bereits am nächsten morgen meldete sich Nanny per Mail: Sie hat das Telefon im Fundbüro bereitgelegt. Gegen eine Gebühr von zwanzig Franken bekam ich es zurück. Gratis arbeitet Nanny dann doch nicht. Der Akku war noch zu 56 Prozent geladen. Nanny hat sich unterdessen bereits dem nächsten Problem zugewandt. Eine ältere Dame gibt einen blauen Regenschirm ab. Dann gibt sie eine Verlustanzeige auf: Sie sucht einen blauen Regenschirm. Beim Aussteigen aus dem Tram habe sie versehentlich zum Schirm des Sitznachbarn gegriffen. Ob Nanny auch hier half, konnte aus Gründen des Datenschutzes nicht ermittelt werden.

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