Kolumne
Collardi, das Alphatier

Markus Gisler
Markus Gisler
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Boris Collardi

Boris Collardi

Sandra Ardizzone

Er ist seit Anfang Woche das Gesprächsthema Nummer eins auf dem Finanzplatz: Boris Collardi, viel gelobter CEO der Bank Julius Bär, verabschiedet sich nach Genf und wird hoch bezahlter Teilhaber von Pictet, der Privatbank mit dem vergleichbaren Renommee der ebenfalls in Genf ansässigen Uhrenmarke Patek Philipp. Das Beste vom Besten. Dass es das Geld ist, das den 43-Jährigen nach Genf zieht, bezweifle ich. Insgesamt war er über 13 Jahre bei der Bank Bär (zuvor 12 Jahre bei der Credit Suisse). Allein die letzten acht Jahre als CEO haben ihm mindestens 50 Millionen eingebracht. Vielmehr dürften ihn vor allem die «soft factors» der neuen Position fasziniert haben: Für den Sohn eines italienischen Einwanderers und in der Westschweiz aufgewachsen, muss es ein einzigartiges Gefühl des Erfolgs sein, zu Hause in die vornehmsten Genfer Kreise aufgenommen zu werden. Zudem wird Julius Bär nach dem von Collardi durchgepeitschten Wachstum in eine Konsolidierungsphase einmünden. Das ist weniger lustig, als mit Akquisitionen zu wachsen. Zudem ist die IT der Bank eine wenig rühmliche Baustelle, der Collardi zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Da kommt das Angebot aus Genf gerade recht.

Intern wurde kein Nachfolger für Boris Collardi aufgebaut

Mit abgesägten Hosen aber steht der Verwaltungsrat da. Der eilends aus dem Hut gezauberte Nachfolger Collardis, Bernhard Hodler, ist ein seriöser, aber unscheinbarer Schaffer. Er hat eigentlich schon ans Aufhören oder ans Kürzertreten gedacht, schliesslich ist er schon 58. Dabei hätte der Verwaltungsrat wissen müssen, dass an der Spitze ein ungestümes Alphatier der Grösse XXXL operiert, das keinen neben sich duldet, der ihm das Wasser reichen könnte. Solche Typen sind keine Teamplayer, was sich negativ auf das Betriebsklima auswirkt. Wenn der Chef alles allein entscheidet, wenn er alles besser weiss, kommt das Gefühl auf, dass mitzudenken sich nicht lohnt, und sich für eine alternative Idee starkzumachen, birgt höchstens das Risiko, abgesägt zu werden.

Collardi wurde im Frühling 2009 – damals erst 35-jährig – zum CEO von Julius Bär ernannt und war damit der jüngste Chef, den die Bank je hatte. Kein Wunder haben all jene ehrgeizigen Nachwuchstalente, die älter als der junge Chef waren, das Weite gesucht. Ihnen erschien die Möglichkeit zum weiteren Aufstieg verbaut. Und wenn dieser Chef dann noch mit dem Ferrari vorfährt, verstehen die Mitarbeiter den Verwaltungsrat nicht mehr. Als die Familie Bär noch am Ruder war, galten Bescheidenheit und Understatement als eine Tugend, die nicht nur im «Basler Taig» gelebt wird.

Schon bei der Ernennung Collardis hatte man das gleiche Problem

Ganz generell müssen sich Verwaltungsräte die Frage stellen, ob sie das Risiko eingehen wollen, so junge, zur Dominanz neigende Charaktere an die Spitze eines Unternehmens zu stellen. Im Fall von Julius Bär stand 2009 der damalige Verwaltungsrat vor dem gleichen Problem wie heute. Nach dem Suizid von Alex Widmer vor Weihnachten 2008 kam ausser dem jungen Collardi, der damals schon als Chief Operating Officer die Nummer zwei war, niemand adäquates in Betracht. Der Verwaltungsrat hatte es verpasst, dafür zu sorgen, dass im Fall eines unerwarteten Abgangs oder Ausfalls des Chefs ein geeigneter Stellvertreter vorhanden war.

Als es um die Nachfolge von Widmer ging, hatte Collardi dem Verwaltungsrat eine Wachstumsstrategie in Asien vorgeschlagen. Das waren süsse Aussichten in einer schwierigen Zeit. Also hievte der Verwaltungsrat den jungen Draufgänger auf den Schild. Mit einem älteren Semester wäre das Wachstum vielleicht etwas geringer ausgefallen und der Aktienkurs weniger steil gestiegen, dafür wären die Risiken überschaubarer gewesen. Heute ist die Situation vergleichbar. Das wundert weiter nicht. An der Spitze des Verwaltungsrats sitzt mit Daniel Sauter ein Branchenfremder, der nur zu Beginn seiner Karriere gearbeitet hatte. An der Spitze des Nominationsausschusses sitzt mit Charles Stonehill ein Britisch-Amerikaner. Er wäre für eine abgesicherte Personalbesetzung verantwortlich, doch er kennt die hiesige Bankszene nicht. Es reicht eben nicht, wenn solche Ausschüsse nur dann aktiv werden, wenn eine Position neu besetzt werden muss. Wie heisst es so schön: «Gouverner, c’est prévoir». Nur für ein paar Sitzungen einzufliegen, reicht nicht.