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Bordolis Entlassung: grosse Erlösung für FC Aarau

Die Trennung von Trainer Livio Bordoli ist der einzige Ausweg aus der Krise. Das hat auch Raimondo Ponte eingesehen. Der Sportchef des FC Aarau hat den Tessiner per sofort entlassen und erlöst damit den Verein. Die Analyse.

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Per sofort nicht mehr Trainer beim FC Aarau: der Tessiner Livio Bordoli.

Per sofort nicht mehr Trainer beim FC Aarau: der Tessiner Livio Bordoli.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Die Trennung von Trainer Livio Bordoli ist der einzige Ausweg aus der Krise. Denn die Gefahr besteht: Je länger Bordoli im Amt bleibt, desto grösser ist der Schaden, den der 52-Jährige anrichtet.» Das haben wir am 17. September geschrieben. Trotzdem hat es knapp vier Wochen gedauert, bis die Verantwortlichen des FC Aarau gehandelt und Trainer Bordoli freigestellt haben. Doch es gibt Gründe für die verzögerte Reaktionszeit der Klubführung.

Da war der Wechsel auf der Position des Sportchefs. Insbesondere der Präsident Alfred Schmid brauchte seine Zeit, um die Demission seines Freundes Urs Bachmann Ende August zu verdauen, was den Klub ein Stück weit gelähmt hat. Und es brauchte seine Zeit, ehe sich der neue Sportchef Raimondo Ponte positioniert, die Situation analysiert und Lösungen gefunden hatte. Ponte verdiente sich in dieser ersten Phase gute Noten. Warum? Weil er den Dialog mit den Protagonisten suchte, Polemik vermied und stattdessen mit konstruktiven Lösungsansätzen den Weg aus der Krise suchte. Und auch fand. Es gelang ihm sogar, den desolaten Bordoli halbwegs auf Kurs zu bringen.

Die fundamentalste Fehleinschätzung von Urs Bachmann

Resultatmässig gelang dies. Die letzte Niederlage des FC Aarau datiert vom 21. August. Trotzdem ist es richtig, Bordoli freizustellen. Auch wenn er sich dank Pontes Support etwas gefangen hat. Aber seine Defizite wiegen schwer. Ausserdem hat die Mannschaft genug Qualität für die sofortige Rückkehr in die Super League. Der Einzige, der dies anders sieht, ist Bordoli. Kurz: Bordoli ist die fundamentalste Fehleinschätzung des zurückgetretenen Sportchefs Urs Bachmann.

Es ist nicht nur der fehlende Glaube an seine Spieler, der Livio Bordoli disqualifiziert. Nein, er offenbarte auch eklatante Schwächen punkto Teamführung, Trainingsgestaltung und Kommunikation. Seine Matchvorbereitung ist unprofessionell. Seinen Trainings fehlt es bisweilen an Intensität. Er demontiert Spieler. Sein Umgangston ist – wohlwollend ausgedrückt – rüpelhaft. Oder: Bordoli blieb bis zuletzt den Beweis schuldig, auf Profi-Niveau zu genügen.

Und wie er fast gebetsmühlenartig betonte, es gebe selbst nach dem fragwürdigen Facebook-Eintrag seiner Lebensgefährtin Mimosa Bajrami («Bordoli ist gut, die Spieler sind Nullen») keine atmosphärischen Störungen im Team, war nur noch peinlich. Jedenfalls sollen sich in einer internen Aussprache letzte Woche mehr als drei Viertel der Spieler gegen Bordoli ausgesprochen haben. Deshalb ist die Freistellung des Trainers eine Erlösung für die Spieler.

Natürlich sind es die Spieler, die die Tore erzielen oder erzielen müssten. Allein, dass der FC Aarau trotz dieses desolaten Trainers, trotz des zerrütteten Verhältnisses zu Bordoli so lange nicht verloren hat, spricht für den Charakter dieser Mannschaft. Denn zu keinem Zeitpunkt dieser Saison hätte man ihr unterstellen können, gegen den Trainer zu spielen. Auch wenn sie Anlass genug gehabt hatte.

Jetzt braucht es einen Mann, der die Leidenschaft entfacht. Der neue Trainer kann sich auf eine intakte, ambitionierte und pflegeleichte Mannschaft freuen. Wer dieser neue Trainer ist, steht noch nicht fest. Fakt ist aber: Nach Bordoli braucht es jetzt einen erfahrenen Mann, der Teamführung und Kommunikation zu seinen Stärken zählen kann. Einen Mann, der die Balance zwischen Anspruchsdenken und Demut findet. Einen Mann auch, der für die FCA-Gemeinde greifbar ist und allein mit seiner Art ein Feuerwerk der Leidenschaft entfacht.

Stephan Keller: seit Juli 2020 Wurde vom Assistenten zum Cheftrainer befördert und erreichte mit dem FCA in der ersten Saison Rang 5 in der Challenge League sowie den Cup-Halbfinal.
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Patrick Rahmen: Juli 2018 - Juli 2020 Der Basler führte den FC Aarau in der ersten Saison nach miserablem Start sensationell noch in die Barrage. Dort vergeigte das Team ein 4:0 nach dem Hinspiel gegen Xamax. Gut ein Jahr später wurde Rahmen nach einem 1:4 in Kriens entlassen.
Ton Verkerk: April - Juni 2017 Während acht Spielen stand der Holländer als Interimstrainer an der Seitenlinie.
Stephan Keller: März - April 2017 Einige Spiele interimistischer Cheftrainer, ehe er wegen fehlender Diplome offiziell wieder in die Assistenten-Rolle schlüpfen musste.
Marinko Jurendic: Juni 2017 - März 2018 Der gebürtige Kroate Marinko Jurendic (39) galt in der Szene einst als grosses Trainertalent und stand bei mehreren Profiklubs auf der Liste. Er ging zum FC Aarau, musste nach zehn Monaten und schlechten Resultaten den Stuhl früh wieder räumen.
Marco Schällibaum: Oktober 2015 - Juni 2017 Der 53-jährige Zürcher schaffte es langfristig ebenfalls nicht, die Erwartungen der Klubbosse zu erfüllen. Nach 64 Spielen an der FCA-Seitenlinie erhält er am 6. Juni 2017 die Kündigung – genau zwei Monate, nachdem man seinen Vertrag verlängert hatte.
Livio Bordoli: Juni - Oktober 2015 Nach nur zwölf Punkten nach elf Spielen musste der Tessiner, der vom Super-League-Aufsteiger aus Lugano zum FCA gekommen war, die Segel streichen.
Raimondo Ponte: März - Juni 2015 Raimondo Ponte konnte den Abstieg aus der Super League in den letzten elf Spielen nicht mehr verhindern. Drei Siege und zwei Unentschieden waren zu wenig, um den zweiten Abstieg des FCA zu verhindern. Von September 2015 bis August 2017 war Ponte Sportchef bei den Aargauern.
Sven Christ: Juli 2014 - März 2015 Nachdem er zuvor beim FC Baden erfolgreicher Trainer war, übernahm Sven Christ im Juli 2014 das Zepter beim FC Aarau. Nach sechs Siegen aus 24 Spielen wurde Christ im März 2015 entlassen.
René Weiler: April 2011 - Juni 2014 René Weiler führte den FC Aarau 2013 in seiner Amtszeit aus der Challenge League zurück in die Super League. Nach dem erfolgreichen Klassenerhalt 2014 wechselte Weiler nach Deutschland zum 1. FC Nürnberg.
Thomas Binggeli: April 2011 Beim 1:1 in Locarno stand Binggeli im April 2014 für ein Spiel als Verantwortlicher an der Seitenlinie.
Ranko Jakovljevic: Juli 2010 - April 2011 Der ehemalige Interimscoach war bei seiner zweiten Amtszeit bei den Aarauern mässig erfolgreich. In 24 Spielen holte der aktuelle Trainer des FC Baden 24 Punkte.
Fredy Strasser: Mai 2010 Er vermochte in den letzten drei Spielen der Saison 09/10 das sinkende Schiff nicht mehr retten und holte nur drei Punkte.
Ranko Jakovljevic: April 2010 - Mai 2010 Mit drei Siegen gestartet, musste der Interimscoach nach dem 4:0 gegen Luzern für die letzten drei Spiele der Saison seinen Posten wieder abgeben.
Martin Andermatt: Oktober 2009 - April 2010 Martin Andermatt ist der Hauptverantwortliche für den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte. In 18 Spielen gelang dem FC Aarau unter seiner Führung nur ein mickriger Sieg.
Jeff Saibene: Juli 2009 - Oktober 2009 Der ehemalige Co-Trainer leitete mit einem schlechten Saisonstart den erstmaligen Abstieg seit 1981 ein. Nur acht Punkte aus zwölf Spielen waren viel zu wenig.
Ryszard Komornicki: Juli 2007 - Juni 2009 Unter dem Polen belegte der FCA zweimal Platz 5 - trotzdem wird der Vertrag mit dem Meisterspieler von 1993 nicht verlängert.
Gilbert Gress: Mai 2007 Gilbert Gress rettete den FC Aarau 2007 in die Relegation und schliesslich vor dem dem Abstieg. Mit zwei Siegen gegen Bellinzona schafften die Aarauer unter ihm den Klassenerhalt.
Ryszard Komornicki: Januar 2007 - Mai 2007 Mit einem Punkteschnitt von nur 0,69/Spiel musste Komornicki nach 16 Spielen schon wieder gehen.
Ruedi Zahner: November 2006 - Dezember 2006 Zahner war für sechs Spiele Interimscoach der Aarauer. Seine Bilanz mit drei Siegen und drei Niederlagen ist ausgeglichen.
Urs Schönenberger: Mai 2006 - Oktober 2006 Nur 15 Punkte aus den ersten 18 Spielen führten zur Trennung zwischen dem FC Aarau und Urs Schönenberger.
Alain Geiger: Dezember 2005 - April 2006 In seiner zweiten Amtzeit beim FC Aarau holt Geiger pro Partie im Schnitt einen Punkt.
Andy Egli: August 2004 - Dezemeber 2005 Nach 55 Partien wird Andy Egli Ende 2005 eine Serie mit fünf Spielen ohne Sieg zum Verhängnis.
Martin Rueda: Januar 2004 - August 2004 Martin Rueda verliert mehr als die Hälfte seiner 22 Spiele mit dem FCA.
Alain Geiger: Juli 2002 - Dezember 2003 In 40 Partien unter Geigers Regie kommt der FCA nicht vom Fleck. Im Winter 2003 muss er gehen.
Rolf Fringer: Mai 2000 - Juni 2002 Der Meistertrainer kehrt für zwei Jahre zu seinem FCA zurück.
Jochen Dries: April 1999 - Mai 2000 Zur Jahrtausendwende leitete Jochen Dries die Geschicke im Brügglifeld.
Fredy Strasser: Oktober 1998 - März 1999 In seiner ersten Amtzeit ist Fredy Strasser interimistisch für vier Monate Trainer des FCA.
Martin Trümpler: Juli 1995 - September 1998 Mit 142 Partien als Cheftrainer der Aarauer schafft es Martin Trümpler in dieser Kategorie auf Rang 3.
Rolf Fringer: Juni 1992 - Juni 1995 1993 gewinnt der FCA unter Rolf Fringer die Schweizer Meisterschaft.
Roger Wehrli: Juli 1990 - Juni 1992 Zwei Saisons setzte der FCA auf Roger Wehrli, der als Spielertrainer seine aktive Karriere beim FC Aarau ausklingen liess.
Wolfgang Frank: Januar 1989 - Juni 1990 Wolfgang Frank wurde 1990 zum Sportchef der Aarauer befördert.
Werner Mogg: Holte 1988 in zwei Spielen einen Sieg.
Hubert Kostka: Juli 1988 - Dezember 1988 Hubert Kostka war für 30 Spiele Cheftrainer des FCA.
Ottmar Hitzfeld: Juli 1984 - Juni 1988 Die Trainerlegende wurde im ersten Jahr beim FC Aarau Vizemeister und Pokalsieger. Nach 152 Spielen in vier Jahren wechselte der Deutsche 1988 zu GC.
Zvezdan Cebinac: Januar 1983 - Juni 1984 Nach anderthalb Jahren wurde der Vertrag des Serben nicht verlängert. Er starb 2012 im Alter von 72 Jahren.
Paul Fischli und Paul Stehrenberger: Juli 1981 - Dezember 1982 Fischli und Stehrenberger (zweite Reihe aussen) hiess das Trainer-Duo in der ersten Saison in der höchsten Schweizer Spielklasse.

Stephan Keller: seit Juli 2020 Wurde vom Assistenten zum Cheftrainer befördert und erreichte mit dem FCA in der ersten Saison Rang 5 in der Challenge League sowie den Cup-Halbfinal.

Martin Meienberger

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