Kommentar
Blutiger Start einer neuen Phase

Thomas Seibert
Thomas Seibert
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Bei der jüngsten Gewalt in Gaza an der Grenze zu Israel kamen 60 Palästinenser ums Leben. Gegen 2800 Personen wurden verletzt.

Bei der jüngsten Gewalt in Gaza an der Grenze zu Israel kamen 60 Palästinenser ums Leben. Gegen 2800 Personen wurden verletzt.

KEYSTONE/EPA/MOHAMMED SABER

Der Tod von 60 Palästinensern bei Protesten gegen die Feiern zum 70. Gründungsjubiläum Israels und gegen die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem markiert den Beginn einer neuen Phase im Nahen Osten. Zwei Entwicklungen haben die Machtverhältnisse in der Region entscheidend verändert: Unter Präsident Trump haben sich die USA von ihrer traditionellen Vermittlerrolle im Nahen Osten verabschiedet und sich völlig auf die Seite Israels gestellt. Gleichzeitig signalisieren wichtige arabische Staaten, allen voran Saudi-Arabien, dass ihnen die Abwehr der Bedrohung durch den Iran wichtiger ist als die Durchsetzung palästinensischer Interessen im Dauerkonflikt mit Israel.

Damit wird das bisherige Ziel der Friedensbemühungen im Rahmen der sogenannten Zweistaatenlösung – ein Palästinenserstaat, der gleichberechtigt neben dem Nachbarn Israel existiert – zu den Akten gelegt. Es läuft darauf hinaus, dass sich die Palästinenser mit einer Art Vasallenstaat von Israels Gnaden abfinden sollen. Die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem ist ein Vorzeichen für den künftigen Kurs.

Bei dieser Umorientierung wirken nicht nur Amerikaner und Israelis mit. Arabische Herrscherhäuser sehen ihre Macht durch den Iran gefährdet und bemühen sich um einen Schulterschluss mit den USA und Israel gegen den gemeinsamen Feind. Doch ohne vernünftige Berücksichtigung palästinensischer Interessen bleiben Gegenden wie der Gazastreifen auf Dauer gefährliche Konfliktherde. Von Ruhe und Frieden ist der Nahe Osten auch in der neuen Ära weit entfernt.