Kolumne
Blöde Kuh

Der selbstständige Autor und Künstler Reeto von Gunten schreibt in seiner Kolumne über die Unehrlichkeit auf Verpackungen.

Reeto von Gunten
Reeto von Gunten
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Sie hat diesen fordernden Blick, so als würde sie mich wegen irgendetwas beschuldigen, das ich ihr oder sonst jemandem angetan hätte.

Dabei ist sie bloss Vieh. Jeden Morgen liegt sie auf unserem Frühstückstisch und starrt mich an, seit Jahren schon. Sie kennen sie auch, ich rede von der Kuh auf der Milchpackung. Mit ihren braunen Augen und den stolz gegen den weissen Himmel gerichteten Hörnern (welche Kuh hat heute noch Hörner?) fläzt sie sich wiederkäuend auf einer Photoshop-Wiese und gafft uns über den Rand der Kaffeetasse ins zerquetschte Morgengesicht.

Aufgefallen ist sie mir allerdings erst neulich, offenbar hatte ich mich an sie gewöhnt, Alltag macht dumpf.

Warum ist auf dem Appenzeller Mutschli ein Bär?

Die ist dort nicht zufällig, die Kuh. Ihre Aufgabe ist es, uns aufzuzeigen, woher die Milch kommt, die wir gedankenlos in die Cornflakes-Schüsseln unserer Kinder schütten. Sie steht stellvertretend für ihre Artgenossinnen, als Beispiel für alle, die wissen möchten, wo das Zeug herkommt, als Gütesiegel und Herkunftszertifikat. Die Kuh macht die Milch, so einfach ist das.

Reeto von Gunten

Reeto von Gunten ist selbstständiger Autor und Künstler, mit seinen Lesungen schweizweit auf Kleinkunstbühnen unterwegs und die Stimme des Sonntagmorgens auf SRF 3.

Weshalb ist das nicht überall so? Auf dem Honigglas muss eine Biene abgebildet sein, auf dem Apfelsaft ein Apfel und auf dem Orangensaft eine Orange. Simpel, eigentlich, das versteht jedes Kind. Aber auf dem Honigglas ist eine Apfelblüte, auf der Butter ein Enzian, auf der Apfelverpackung ein Lemur und auf dem Appenzeller Mutschli ein Bär.

Kein Wunder, gibt es Menschen, die glauben, Weichkäse würde von kleinen Engelchen gemacht, die Pfeil und Bogen in ihren Händen halten. Man versucht, uns in die
Irre zu führen, falsche Zeichen werden gesetzt, mit Absicht, um uns in eine Bubble aus nostalgischer Verklärtheit und ignoranter Verdrängung einzulullen. Und es funktioniert bestens. Fragen, die jedem Kind auf der Zunge brennen müssten, kommen uns nicht einmal mehr in den Sinn.

Was hat der Hase auf der Eierpackung verloren? Warum finden wir in unseren Weinkellern Abbildungen von Adlern, Steinböcken, Lorbeerkränzen, Saufgelagen, Nussbäumen (!) und Segelschiffen, aber keine einzige Traube? Was macht Roger Federer auf der Wegwerfrasiererverpackung? Und was suchen Doppelsegel und Dreifachschlüssel in Banken-Logos? Kommt unser Geld von einem Doppelmaster oder aus einem Schlüsselbund? Müssten da nicht Kreditheinis, Börsianer, Drogendealer oder Waffenhändler stehen? – Lassen wir uns womöglich für blöd verkaufen?

Weg mit dem Swoosh und mit dem Apfel

Ich plädiere, zur allgemeinen Sicherheit, für mehr Ehrlichkeit auf Verpackungen! Auf den Skipullover gehört kein Schneekristall, sondern eine Schneekanone, dort kommt der weisse Segen schliesslich her. Auf die Autokühlerhaube kommt weder ein genderbelastetes Marssymbol noch ein verklärter Sternenhimmel, sondern das Abbild eines Roboters, und auf der Turnschuhschachtel will ich keine aerodynamischen Guthäkchen-Logos mehr sehen, sondern ein Kind aus einem Drittweltland. Der Swoosh hat diese Schuhe nicht gemacht, er dreht sie uns bloss an.

Und den leuchtenden Apfel auf dem Deckel meines Computers, Telefons und WiFi-Hubs kann man auch gleich ersetzen, am ehrlichsten wohl mit dem kleinen Schwesterchen des Kindes auf der Turnschuhschachtel.

Denn wenn auf der Milchpackung eine Kuh abgebildet ist stellvertretend für die, die die Milch gemacht haben, muss auf der Hälfte unserer Wohlstandsgüter ein unter dem Existenzminimum darbendes überarbeitetes Kind abgebildet sein. So wäre das, wenn wir ehrlich wären.

Lügen haben die längsten Beine

Aber Lügen haben längere Beine und unser Geld hat uns am Kragen. Vielleicht sieht sie mich deshalb so beschuldigend an, die blöde Kuh.

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