Wochenkommentar
Bleiben Sie noch lange im Amt, Frau Leuthard!

«Bei den Politikern ist es wie beim Wein: Gewisse werden immer besser, andere sind von Anfang an ungeniessbar», findet Chefredakteur Christian Dorer in seinem Wochenkommentar über Doris Leuthard, Roland Brogli, Susanne Hochuli – und die Frage des richtigen Rücktritts.

Christian Dorer
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Aargauer Apéro in Bundesbern für Doris Leuthard
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Die Aargauer Regierung: (Vorne) Urs Hofmann, Roland Brogli, Stephan Attiger und Susanne Hochuli, hinter ihr Alex Hürzeler.
Aargauer Regierungsräte im Gespräch mit Alain Berset, dem Vizepräsidenten 2017: Urs Hofmann, Roland Brogli, Stephan Attiger und Susanne Hochuli. Zwischen Brogli und Attiger (hinten) steht der neugewählte Markus Dieth, der Brogli als Finanzdirektor beerben wird.
Doris Leuthard ist zum zweiten Mal zur Bundespräsidentin gewählt worden.
Impressionen vom Aargauer Apéro für Doris Leuthard.
Impressionen vom Aargauer Apéro für Doris Leuthard.
Bundespräsidentin Doris Leuthard, Bern Doris Leuthard wird zur Bundespräsidentin 2017 gewählt. Die Aargauer Regierung sponserte als Dank einen Apéro ins Bundeshaus. Aufgenommen am 7. Dezember 2016 in Bern.
Doris Leuthard stösst mit Alain Berset an.
Impressionen vom Aargauer Apéro für Doris Leuthard.
Impressionen vom Aargauer Apéro für Doris Leuthard.
SP-Ständerätin Pascale Bruderer (rechts) gratuliert Doris Leuthard.
Leuthard mit Weibeln.
Impressionen vom Aargauer Apéro für Doris Leuthard.
Impressionen vom Aargauer Apéro für Doris Leuthard.
Parteikollege und baldiger Aargauer Regierungsrat Markus Dieth gratuliert Doris Leuthard.
Impressionen vom Aargauer Apéro für Doris Leuthard.
Impressionen vom Aargauer Apéro für Doris Leuthard.
Impressionen vom Aargauer Apéro für Doris Leuthard.

Aargauer Apéro in Bundesbern für Doris Leuthard

Im Aargau gehen in diesen Tagen politische Ären zu Ende: Die Regierungsräte Susanne Hochuli und Roland Brogli geben ihre Ämter ab, sie nach acht, er nach sechzehn Jahren. Am Dienstag war Brogli Gast in der Sendung «Talk Täglich» auf Tele M1. Es war das letzte von Dutzenden Interviews während seiner langen Karriere. Welche war in all den Jahren die dümmste Frage, die ihm gestellt wurde? Seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: «Herr Brogli, wann hören Sie auf?»

Tatsächlich gibt es bei langjährigen Politikerinnen und Politikern kein Interview ohne die Frage nach dem Rücktritt, zugegebenermassen auch in dieser Zeitung. Trotzdem ist es meistens widersinnig. Die Antworten fallen nichtssagend aus, weil niemand seinen Rücktritt einfach so spontan ankünden würde; bestenfalls fällt eine Antwort originell aus, wie jene des damaligen Bundesrats Moritz Leuenberger, der sagte: «Ich bleibe Bundesrat bis die Gletscher wieder wachsen.» Die stereotype Frage nach dem Rücktritt ist aber vor allem deshalb wenig sinnvoll, weil nicht jeder langjährige Politiker automatisch ausgebrannt und müde ist.

Ob ein Politiker gut ist, hängt nicht von den Amtsjahren ab

Bei den Politikern und ihrer Amtsdauer ist es wie beim Wein und dessen Alter: Gewisse werden mit den Jahren immer besser, gewisse Weine sind bereits jung ungeniessbar und werden nur noch schlechter. Gewisse Politiker sind von Beginn weg eine Fehlbesetzung und bleiben es auch. Andere starten gut, verlieren aber irgendwann ihre Innovationskraft und verwenden ihre Energie einzig noch darauf, sich im Amt zu halten – das sind dann die Sesselkleber. Und es gibt jene, die bereits gut starten und mit den Jahren noch besser werden.

In diese Kategorie gehört die Aargauer Bundesrätin Doris Leuthard. Sie ist das dienstälteste Mitglied der Landesregierung, im Amt seit gut zehn Jahren. Am Dienstag wurde sie mit einem Glanzresultat zum zweiten Mal zur Bundespräsidentin gewählt. Auch bei ihr gibt es seit einiger Zeit kaum ein Interview ohne die Frage nach dem Rücktritt. Die Spekulationen, ob sie nach ihrem Präsidialjahr zurücktritt, nehmen mehr Raum ein als ihr Präsidialjahr an und für sich. Innerhalb der CVP bringen sich mögliche Nachfolger bereits in Stellung, anonyme Bundeshausinsider «rechnen damit, dass sie Ende 2017 abtritt».

Leuthard bringt alles mit, um noch lange zu bleiben

Doch warum eigentlich zurücktreten? Leuthard ist mit 53 Jahren im besten Alter für den Job und voll Gestaltungswillen. Sie und Alain Berset gelten als die starken Figuren im Bundesrat. Sie verantwortet die «Energiestrategie 2050» und damit eines der wichtigsten Projekte des Landes, sie bringt Robustheit und Erfahrung mit, um das Jahrhundertwerk gegen alle
Widerstände durchzubringen. Sie war bereits 2010 als Präsidentin eine hervorragende Repräsentantin der Schweiz und wird es 2017 bestimmt wieder sein.

Sie versprüht heute, nach einem Zwischentief vor einigen Jahren, mehr Lust an der Aufgabe denn je. Sie nimmt sich aber auch freie Wochenenden und Ferien und hat so eine Work-Life-Balance gefunden. Was spricht dagegen, dass sie noch zehn weitere Jahre Bundesrätin bleibt?

Karl Schenk war von 1864 bis zu seinem Tod 1895 – also 31 Jahre! – im Amt und damit bisher von allen Bundesräten am längsten. In der Geschichte des Aargauer Regierungsrats hält Arnold Ringier, FDP, mit 39 Amtsjahren den Rekord (von 1880 bis 1919). Gut in Erinnerung ist bis heute SP-Regierungsrat Arthur Schmid, der von 1965 bis 1993 Erziehungsdirektor war und die Aargauer Schulen geprägt hat. Papst Johannes Paul II. brachte es bis zu seinem Tod auf 26 Jahre, er sagte zum Thema Rücktritt: «Vom Kreuz steigt man nicht.» US-Senator Ted Kennedy war von 1962 bis zu seinem Tod 2009 ununterbrochen im Amt, weil er immer wieder gewählt wurde. Queen Elizabeth II regiert seit 1952 und lässt Prinz Charles warten. WEF-Gründer Klaus Schwab leitet sein Forum seit 1971 und sagte zum Thema Rücktritt einst: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so weit kommt.» Und das ist gut für das WEF, weil es von ihm, seinen Kontakten und seinem Charisma lebt.

Leuthard wird in jedem Interview gefragt: «Wann treten Sie zurück?» Damit liegt das Thema ständig in der Luft. Der richtige Zeitpunkt aber ist für jeden anders. Regierungsrat Brogli erklärt seine sechzehn Jahre so: «Ich war immer begeistert von der Aufgabe.» Regierungsrätin Hochuli begründet das Ende nach acht Jahren so: «Ich möchte wieder freier und selbstbestimmter durchs Leben gehen.»

Bei der Beurteilung, wann ein Politiker zurücktreten sollte, sollten wir stärker auf die Leistung achten statt auf die Anzahl Amtsjahre. Bei manchen Politikern wünscht man sich, sie hätten gar nie angefangen. Andere könnten ewig bleiben.