Schönheitsoperationen
Biz häufiger ein Buch lesen

Gülsha Adilji ist Social-Media-Star, Moderatorin und D-Promi. Aufgewachsen ist sie in Uzwil SG. In ihrer aktuellen Kolumne schreibt sie über Werbung für Schönheitsoperationen.

Gülsha Adilji
Gülsha Adilji
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Werbung für Schönheitsoperationen vergleicht Gülsha mit einer Anmache eines Cousins. (Symbolbild)

Werbung für Schönheitsoperationen vergleicht Gülsha mit einer Anmache eines Cousins. (Symbolbild)

Keystone

Ich weiss nie so wirklich genau, weshalb meine Kolumne gelesen wird – oder von wem. Manchmal lesen erwachsene, ganz normale Menschen meine Texte wie z. B. Madlyns Vater. (Mir ist zu Ohren gekommen, dass er einst seine ganze Familie gezwungen hat, meine Kolumne zu lesen, weil er wohl beinahe den Kaffee aus der Nase geprustet hat.) Etwa fünf Leute lesen meine Meinung, damit sie online was Fieses kommentieren können. Und dann liest Jan Böhmermann meine Zeilen; das bilde ich mir zumindest ein und gebe mir dann viel mehr Mühe.

Es wäre bei dieser Kolumne aber ganz gut, wenn ALLE MENSCHEN sie bitte mal lesen könnten, damit wir ein paar komische und sehr abgefahrene Entwicklungen in unserer Gesellschaft wieder in ihre Bahnen lenken können: Schönheitsoperationen bzw. Werbungen dafür! Es ist mir wükki egal, wer sich die Nase kleiner, die Boobs grösser und die Cellulite glattoperieren lässt. Ihr könnt euch Waden-Implantate reinknallen, genau wie ihr eure Tränensäcke absaugen und in eure Lippen spritzen könnt. I. don’t. care. Weil, es ist euer Körper und eure Entscheidung. Ich kenne weder eure Geschichte noch was euch dazu bewogen hat, euer Aussehen, welches euch Mutter Natur gegeben hat, nur als Empfehlung zu verstehen.

Was meine Zornesfalte zwischen den Augenbrauen aber wahrhaft tief furchen lässt, ist das Werben für solche Eingriffe. Vor etwa zwei Jahren lächelten mir Frauen von Plakatwänden auf die tiefe Stelle zwischen meinen Augenbrauen und kreischten: «Ich mache es für mich!» Damit waren ihre Brüste gemeint, die sie für sich selber unters Kinn geklebt haben. Werbung für Schönheitsoperationen sind meiner Meinung nach aber ganz falsch und unangenehm, so, wie vom Cousin angegraben zu werden und dann auch noch mit ihm rumzumachen.

Zudem macht solche Werbung ziemlich deutlich, wie lächerlich und sinnbefreit wir unsere Prioritäten setzen: Wieso ist ein Thigh-Gap so relevant für unser Seelenheil, und wenn man mit der Nase gut atmen und riechen kann, wieso sollte man ihre Form verändern wollen? Ich schätze, so ziemlich jede Frau googelt irgendwann mal in ihrem Leben die Preisliste für Bruststraffung, -vergrösserung, -verkleinerung, Dehnungsstreifen-Entfernungen etc. Das, weil uns ja in allen Frauenmagazinen der Welt und in praktisch allen Werbungen und Filmen ein Körperbild als ästhetisch, wertvoll und schön vermittelt wird, welches meilenweit entfernt ist von dem, was wir zu sehen bekommen, wenn wir an uns runterschauen. Und wenn uns mit Plakaten dann auch noch suggeriert wird, dass es emfall ganz normal ist, sich nicht wohlzufühlen in seiner Haut, es die Lösung aber ab 10'000 Franken in Schönheits-Ateliers gibt, dann muss ich fast biz kötzeln!

Und immer wenn man meint, übler wird es nicht mehr, kommen Influencer um die Ecke und halten ihren frisch operierten Körper nicht nur in die Kamera, sondern vertaggen die Schönheitsklinik, welche ihnen das Bauchfett abgesaugt hat, gleich 23-mal mit. Jetzt gibt es nicht nur bezahlte Partnerschaften mit irgendwelchen Lockenstäben und Dattel-Importeuren, jetzt macht man Brust-OP-Hauls. Und der Zuspruch der Follower ist überwältigend unreflektiert! Die Kommentarzeilen der Post-OP-Bilder sind voll von jungen Frauen, die euphorisch in die Tastatur klatschen und herzlichst gratulieren, gute Besserung wünschen und sich also ganz, ganz fest auf das Endergebnis freuen.

Meine Mutter würde empfehlen, dass wir alle biz häufiger ein Buch lesen sollten, statt diesem obskuren Instagram und dessen Bewohnern so viel Aufmerksamkeit zu schenken. Meine Mutter würde auch sagen, dass unsere Brüste nicht zu klein oder zu schlaff sind, sondern unsere Gehirne. Vielleicht müssen wir gar nicht alle diese Kolumne rumreichen, wie das Madlyns Vater macht, vielleicht sollten wir alle einfach mehr auf unsere Mütter hören. Weil sie es waren, die uns unter Wahnsinns-Schmerzen auf die Welt gebracht haben, für sie sind wir «the absolute perfection». Was für ein Diss, in ihr Werk zu pfuschen! Und wieso sollten wir Plakaten und Influencern glauben und nicht denjenigen, die uns durch den Geburtskanal gepresst haben?

Eben! Und auch wenn ich nicht sicher bin, wer sonst so seine Augen in meinen Wörter-Ozean tunkt, so weiss ich mit Gewissheit, dass Muttern jedes Mal darin schwimmt.