Politischer Glaube
Bitte ohne Frömmigkeit und Zynismus

Gedanken zum politischen Glauben am Beispiel Venezuela.

Max Dohner
Max Dohner
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REUTERS

Als ich vor einiger Zeit in Mantilla, einem Vorort von Havanna, Leonardo Padura besuchte, war der Schriftsteller – berühmt geworden durch melancholische Kriminalromane – lange misstrauisch und unzugänglich. Trotz heisser Witterung – das Eis wollte nicht brechen. Erst als wir auf den Hund kamen, Paduras geliebten Hund, nahm das Gespräch Fahrt auf. Padura steckte mitten in der Arbeit an einem neuen Manuskript. Als das Buch später erschien («Der Mann, der Hunde liebte»), begriff ich, was bei jenem Besuch der Grund für Paduras Zurückhaltung, ja Furchtsamkeit gewesen sein könnte. Das Buch handelt vom Attentat auf Trotzki und von verlorenen politischen Illusionen. Trotzki fürchtete ständig Fremde, die um sein Exilanten-Haus in Mexiko schlichen, Mörder, gedungen von seinem Ex-Genossen und Erzfeind Stalin. Padura war offensichtlich so durchdrungen vom Stoff, dass er unweigerlich misstrauisch wurde, als sich auch bei ihm ein Unbekannter meldete, von weit gekommen.

«Der Mann, der Hunde liebte» hat drei Erzählstränge: zum einen Trotzki, zum anderen Ramón Mercader, Trotzkis Mörder. Und zum dritten einen Kubaner, der in manchem Padura selber ähnelt, als der noch ein junger Reporter gewesen war. Die Lektüre zeigt, wie früh wache Zeitgenossen hätten erkennen können, in welche Richtung Bolschewismus und Stalinismus sich entwickelten. Wie viel Blut von Beginn weg daran klebte. Gleichwohl taten sich viele linke Westeuropäer unendlich schwer, auch scharfsinnige Geister, das Monströse zu erkennen. Was wiederum daran erinnert, wie viele Deutsche sagten, sie hätten die Fratze lange nicht erkannt, als sich unter ihnen, den Naiven, der Nazismus ausbreitete. Da aber waren schon Tausende, die die Zeichen sofort lasen, auf der Flucht. Die gleiche Mühsal bekundeten Leute bei der Einschätzung des Spanischen Bürgerkriegs, egal aus welchem Lager, später bei der Beurteilung des «realen Sozialismus» in der DDR oder Jugoslawien, der Revolutionen in Kuba oder Nicaragua. Und die Linke tut sich jetzt wieder schwer bei Venezuela.

Padura liefert in seinem historischen Roman eine Kritik am Kommunismus generell und am kubanischen Regime im Speziellen. Ohne den moralischen Zeigfinger zu heben, macht er deutlich, wie tief er das Scheitern der Linken im Spanischen Bürgerkrieg bedauert; wie weh es ihm auch tut, in Kuba alle Illusionen verloren zu haben. Vor der Realität verschliesst er nicht die Augen. Aber weil das alte Modell gescheitert ist, muss er das neue ja nicht gleich rühmen. Der Zynismus der kubanischen Jugend, wild und selbstsüchtig den schnellen materiellen Vorteil zu jagen und alles Hergebrachte in den Wind zu schlagen, erfüllt Padura mit Trauer. Das Schlimmste, sagt er, sei es, den politischen Glauben eingebüsst zu haben.

Das ist wohl der Kern der Sache: der politische Glauben – auch jetzt wieder, beiVenezuela. Eine Bewegung, die sich Gutes auf die Fahnen schrieb, muss doch irgendwo gut bleiben, auch wenn so vieles daneben schiefläuft oder untergeht. Alle tun sich schwer, wo es um den Glauben geht. Offensichtlich nicht nur in Bezug auf die religiöse Sphäre, sondern auch bei politischen Dingen. Vielleicht ist da der Widerstand, der Furor gar stärker, wenn Glaubensinhalte angetastet werden, als bei der Religion, weil politischer Glaube und Hoffnung ihre Erfüllung im Diesseits sehen, ganz real, demnächst auf diesem Planeten. Die Idee der Gerechtigkeit unter den Menschen, auf dieser Idee beruht der Sozialismus, lässt sich nicht an einen himmlischen Richter und den Jüngsten Tag delegieren. Warum es hierfür aber eines Glaubens bedarf, um stets in einer Ideologie zu verkrusten, ist wohl keine historische Gesetzmässigkeit oder gar Notwendigkeit, auch wenn die Geschichte des Sozialismus reich ist an Erlösern, Predigern, Frömmlern und Märtyrern ... und Schergen, Kommissären, Henkern.

Simón Bolívar, Lateinamerikas Unabhängigkeitsheld, wurde in Venezuela zum Abgott von Hugo Chávez (1954–2013). Chávez ist Gottes Sohn für Nicolás Maduro. Maduro will sich endgültig installieren als rechtmässiger Erbe der bolivarianischen Revolution. Rechtmässig gewählt ist Maduro; rechtmässig an der Macht hält er sich nicht. Er schaltet alles aus, was seinen Caudillismo beschränkt. Das Land versinkt im politischen Desaster und steht vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Der Widerstand auf den Strassen gegen das Regime, bebildert in Schwarzweiss, könnte alle Nostalgie wecken bei denen, die in den 60er- und 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts solchen Widerstand unterstützten – und es heute auf der anderen Seite tun, bei den Machthabern.

Einer mit bemerkenswerter Granitnostalgie ist Jean Ziegler. Im «Tages-Anzeiger» diese Woche stellte er sich voll und ganz hinter Maduro, mit dem ganzen Argumentations-Arsenal vergangener Rhetorikgefechte im Kalten Krieg. Da steht er und kann nicht anders, ein Findling aus glazialer Zeit. Zieglers Katechismus und entrücktes Gebet ist jener Sound, den es – auf dem Weg zur Überwindung des Kapitalismus – als Erstes zu überwinden gilt.

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