Gastmeinung
Berührt euch – eine versöhnliche und nicht allzu politische Weihnachtskolumne

Wir sollen auf Distanz bleiben, heisst es. Nähe auf Distanz – warum versuchen wir es nicht mit einem geschriebenen Brief?

Patti Basler
Patti Basler
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Keystone/dpa/Friso Gentsch

Es weihnachtet seltsam dieses Jahr. Wir möchten zueinander kommen, doch genau dies droht uns voneinander zu entfernen. Wir möchten uns umarmen, aber um Armen und Kranken zu helfen, sollten wir Abstand halten.

Wir möchten aus den täglichen Medienberichten die deprimierenden News rausfiltern wie ein Luftfilter die belasteten Aerosole. Wir möchten einander spüren, doch berühren ist verboten.

Ich habe sprichwörtliches Glück im Unglück, das Virus hat mich vor einigen Wochen erwischt. So unerwünscht und heftig wie die mit Gewürznelken besteckte Weihnachts-Orange, die mir meine Schwester als Kind einst an den Kopf geworfen hatte.

Das Virus war weit trügerischer. Zuerst vermutete ich einen Kater wie damals, als man noch Partys feierte, jemanden schöntrank, um mit einem Tiger ins Bett zu gehen, und mit einem Kater aufzustehen. Dann erschien es mir wie Muskelkater, als würde mir das Fleisch mit Nägeln gespickt und von den Knochen gerissen. Jetzt bin ich wieder gesund und heil. Die einzigen bleibenden Spuren der Krankheit sind einige Falten und das natürlich gewachsene Lametta im Haar. Von einer Durchseuchung würde ich aber allen abraten: Wenn auch nur ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung diesen vergleichsweise milden Krankheitsverlauf durchmacht, wird es den grösseren wirtschaftlichen Zusammenbruch geben als durch einen generellen Lockdown.

Niemand weiss, wann und bei wem ich mich angesteckt hatte. Am einzigen Abend ausserhalb meines engsten Kreises, ass ich beruflich mit einem Parlamentsmitglied zu Abend. In dessen Umfeld, hörte ich später, habe Corona grassiert. Nur das Parlamentsmitglied selbst blieb offenbar von Symptomen verschont. Das ist wahrscheinlich die berühmte parlamentarische Immunität.

Nun bin ich also selber einige Monate immun und stelle kein Risiko für andere dar. Im Gegenteil: Wenn ich Aerosol geschwängerte Luft einatme, mache ich die Viren mit meinen Antikörpern unschädlich. Selbst beim Sprechen atme ich nur reines Glück aus, das höchstens mit Mundgeruch und CO2 belastet ist.

Noch ungefährlicher aber ist das geschriebene Wort. Wenn wir uns schon nicht körperlich berühren dürfen, warum versuchen wir es nicht mit einem altmodischen Brief zu Weihnachten?

Natürlich könnte man schreiben: «Ich denke an euch», treffender wäre möglicherweise: «Ich brauche dieses Jahr den Baum nicht zu schmücken mit Nelkenorangen oder Glitzerkugeln. Denn meine Gedanken fliegen zu euch und ziehen silberne Fäden, welche sich wie Lametta über die Dunkelheit legen. Sie erscheinen mir wie die freundschaftlichen Bande, die uns auch in Zukunft zusammenhalten.»

Statt: «I miss u» führt man vielleicht aus: «Ich vermisse dich nicht. Das wäre kein passender Ausdruck. Vielmehr verursacht dein Fehlen bei mir einen Phantom-Schmerz. Als wäre mir ein Körperteil entfernt worden, welches immer noch wehtut, obwohl ich es nicht berühren kann. Wir werden uns wieder die Hand geben können, vielleicht wird meine etwas länger als angebracht in der deinen liegen. Wir werden das flüchtige Aufeinandertreffen unserer Fingerspitzen wahrnehmen wie Stromschläge der puren Freude. Es wird besser. Aber bevor es besser wird, wird’s schlimmer.»

Schliesslich: «Liebe Schwester, es schmerzt, dass ich nicht bei dir sein kann, jetzt in der dunkelsten Zeit. Wie gern würde ich heute mit einer Nelken-Orange beworfen werden. Die Stelle, an der sie mich traf, spüre ich noch immer. Liebe ist wie Corona: Sie hinterlässt Narben. Sie wächst, wenn der Funke springt. Sie erstarkt, genährt durch Nähe. Bloss impfen wird man sich gegen die Liebe nie können. Sie bleibt auch auf Distanz bestehen. Für eine sehr viel längere Weile, als ein Virus es je vermag.»

PS: Wer trotzdem eine Umarmung braucht, kann mich mieten. Auch um mich einfach in die Ecke zu stellen. Als Lametta gekrönter Luftfilter. Hyperventilieren kostet extra.