Kommentar
Belästigungen beim Westschweizer Fernsehen: SRG-Verwaltungsrat erkennt die Gefahr

Das oberste Gremium der öffentlich-rechtlichen Anstalt will wissen, was beim Westschweizer Fernsehen genau vorgefallen ist. Das ist richtig. Von Gilles Marchand, dem langjährigen Verantwortlichen in der Westschweiz und heutigen Generaldirektor, würde man sich klarere Worte wünschen.

Francesco Benini
Francesco Benini
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Gilles Marchand, Generaldirektor der SRG.

Gilles Marchand, Generaldirektor der SRG.

CH Media

Mehrere Angestellte des Westschweizer Fernsehens werfen drei Kadermitarbeitern sexuelle Belästigung und Mobbing vor. Für die SRG ist das unangenehm.

Erschwerend kommen zwei Faktoren hinzu: Verschiedene Angestellte kritisieren, dass die Chef­etage nicht angemessen auf die Meldungen reagiert habe. Und: Die Vorwürfe wurden vor allem in einer Zeit gemeldet, als Gilles Marchand Chef des Westschweizer Fernsehens war. Er ist heute Generaldirektor der SRG.

Wie reagierte Marchand, als die Beschwerden vor einer Woche publik wurden? Er sei schockiert, sagte er. Unklar war, was ihn entgeisterte, denn die Vorwürfe waren ihm schon lange bekannt.

Auch weitere seiner Äusserungen waren nicht gut gewählt: Warum sprach er von einer «populistischen Welle?» Warum verwies er darauf, dass es in anderen Schweizer Medienhäusern ähnliche Vorfälle gebe?

Der SRG-Direktor verstärkte damit den Eindruck, den einige Angestellte des Westschweizer Fernsehens haben: Sie halten Marchand vor, dass er als ihr Chef nicht entschlossen genug gegen die Missetäter vorgegangen sei.

Es ist darum gut, dass jetzt der SRG-Verwaltungsrat Marchand das Heft aus der Hand nimmt. Das Gremium will wissen, was in der Westschweiz vorgefallen ist – und es lässt abklären, ob Marchand als Chef professionell agierte.

Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina teilt mit, dass der Schutz der persönlichen Integrität von Mitarbeitern eine zentrale Aufgabe des Arbeitgebers sei. Solche Worte hörte man von Marchand nicht. Sollte die Untersuchung zum Schluss kommen, dass er seinen Pflichten als Chef in Genf nicht nachkam, wird er als Direktor der SRG kaum zu halten sein.

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