Pro/Kontra
Begrenzung Pendlerabzug: ja, weil in Sparzeiten notwenig – nein, weil sozial ungerecht

Seit 1. Januar 2016 kann man als Arbeitspendlerin bzw. -pendler bei der direkten Bundessteuer nur noch maximal 3000 Franken pro Jahr als Fahrkosten zur Arbeit steuerlich abziehen. Am 27. November entscheiden die Aargauerinnen und Aargauer, ob in unserem Kanton auch bei Kantons- und Gemeindesteuern eine Beschränkung eingeführt werden soll – und zwar auf 7000 Franken. Davon betroffen wären 20 000 Pendlerinnen und Pendler.

Irène Kälin & Thierry Burkart
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Eine Beschränkung sei «auch für den Kanton Aargau das Ideal, wenn Arbeits- und Wohnort nahe zusammenliegen», findet Irène Kälin.

Eine Beschränkung sei «auch für den Kanton Aargau das Ideal, wenn Arbeits- und Wohnort nahe zusammenliegen», findet Irène Kälin.

Mario Heller

Ja zur Begrenzung des Pendlerabzugs: für mehr Steuergerechtigkeit

von Irène Kälin

Pro: Irène Kälin, Grossrätin Grüne und Vorstand VCS.

Pro: Irène Kälin, Grossrätin Grüne und Vorstand VCS.

Alex Spichale

Wir wünschen uns wohl alle, möglichst nahe von unserem Zuhause arbeiten zu können, oder möglichst nahe von unserem Arbeitsplatz ein Zuhause zu finden. Kurze Wege bedeuten mehr Lebensqualität.

Heute ist es aber kaum möglich, dass wir alle dort eine Arbeit finden, wo wir wohnen. Wir können uns auch nicht immer dort eine Wohnung leisten, wo wir arbeiten. Trotzdem setzt ein unbegrenzter Pendlerabzug Fehlanreize, begünstigt geradezu lange Arbeitswege und führt so zu vermehrtem Stau.

Kommt dazu: In der momentanen finanziellen Schieflage des Kantons kann es nicht sein, dass wir die Bildung unserer Kinder bluten lassen und einzelnen bis zu 35 000 Franken fürs Autofahren nachwerfen. Daher muss der kantonale Pendlerabzug begrenzt werden. Die Regierung und eine Mehrheit des Grossen Rates stützen eine Begrenzung auf 7000 Franken. Das ist ein Kompromiss, der dem Kanton der Regionen Rechnung trägt.

Für die Bundessteuern ist der Pendlerabzug seit 1. Januar 2016 auf 3000 Franken beschränkt. Das wäre auch für den Kanton Aargau das Ideal, wenn Arbeits- und Wohnort nahe zusammenliegen. Aber ich kann gut mit dem aargauischen Kompromiss von 7000 Franken leben. Er ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Folgende Fakten zeigen, dass diese Begrenzung richtig ist:

  • Autofahrer können weiterhin einen Arbeitsweg von mindestens 45,4 km/Tag abziehen. Dabei können mit 70 Rappen pro Kilometer höhere Kosten geltend gemacht werden als in den meisten Fällen anfallen. Pendler, die auf günstige und sparsame Autos setzen, können so für einen weiteren Arbeitsweg die vollen Kosten abziehen.
  • Die Beschränkung betrifft nur 8 Prozent der Steuerpflichtigen. Diese können durch Änderung ihres Mobilitätsverhaltens Mehrkosten vermeiden.
  • öV-Benutzer können weiter sämtliche Kosten abziehen, da selbst das 1.-Klass-GA weniger als 7000 Franken kostet.
  • Mit einer Begrenzung des Pendlerabzugs wird mehr Steuergerechtigkeit geschaffen und Stau nicht weiterhin steuerlich gefördert.

Nein zur Begrenzung des Pendlerabzugs: Pendler werden bestraft

von Thierry Burkart

Thierry Burkart, Nationalrat FDP und Präsident TCS AG « Drei Dinge beschäftigen mich: Mit 40 Jahren wird die Gesundheit wichtiger, das wünsche ich den Menschen in meinem Umfeld. Ich habe mir vorgenommen, mehr Zeit für mich und meinen privaten Bereich herauszunehmen.»

Thierry Burkart, Nationalrat FDP und Präsident TCS AG « Drei Dinge beschäftigen mich: Mit 40 Jahren wird die Gesundheit wichtiger, das wünsche ich den Menschen in meinem Umfeld. Ich habe mir vorgenommen, mehr Zeit für mich und meinen privaten Bereich herauszunehmen.»

AZ-Archiv

Berufstätige Pendler können die Benützung des Autos steuerlich dann absetzen, wenn sie gegenüber der öV-Benützung mit dem Auto pro Tag mehr als eine Stunde Zeit einsparen. Trotz dieser strengen Regelung will die Politik den Pendlerabzug beschränken – und zwar auf 7000 Franken pro Jahr.

Das bedeutet, dass Berufstätige bereits ab einem Arbeitsweg von 23 Kilometern ihre Pendlerkosten nicht mehr abziehen können. Dabei geht es nur um eines: Die Bürgerinnen und Bürger sollen mehr Steuern bezahlen! 15 Kantone kennen keine Begrenzung des Pendlerabzugs.

Als Begründung für die Abzugsbegrenzung wird jeweils der Preis für ein GA der 1. Klasse bemüht. Das Generalabonnement wird aber staatlich massiv subventioniert.
Viele Berufstätige werden diskriminiert, denn sie haben keine andere Wahl, als mit dem Auto zur Arbeit zu gelangen.

Sei es, weil ihr Wohnort oder ihre Arbeitsstelle keinen öV-Anschluss hat, sie nachts, spätabends bzw. frühmorgens arbeiten oder es die Gesundheit nicht erlaubt. Man denke an Schichtarbeiter, Pflegepersonal, Bäcker oder Gehbehinderte.

Die Folgen sind auch sozial ungerecht, zumal insbesondere Berufstätige mit Familien eine Einschränkung ihres monatlichen Haushaltsbudgets hinnehmen müssen. Entweder ziehen sie in die Agglomerationen und Städte mit besserer öV-Erschliessung und bezahlen mehr Miete oder höhere Hypothekarzinsen oder sie bleiben und bezahlen dann mehr Steuern.

Die Begrenzung des Pendlerabzugs schränkt zudem die Standortattraktivität ländlicher Regionen erheblich ein. Viele Berufstätige finden vor Ort keine Arbeitsstelle und müssen einen längeren Arbeitsweg in Kauf nehmen. Sie werden gezwungen, in die Agglomerationen zu ziehen – sofern sie tatsächlich Wohnraum finden und sie es sich leisten können. Damit wird sich das Ungleichgewicht finanziell starker und schwacher Gemeinden im Kanton weiter zuspitzen.

Einmal mehr sollen Berufstätige, die auf das Auto angewiesen sind, ungerecht und willkürlich abgestraft werden!