Wochenkommentar
Basel, nicht schweizerisch?

Ist es eine Beleidigung oder ein Kompliment, wenn Christoph Blocher Basel als «eigene Region, die nicht schweizerisch sein will», bezeichnet? Der Wochenkommentar von David Sieber zum Basler Selbstverständnis.

David Sieber
David Sieber
Merken
Drucken
Teilen
Die Aussicht auf Basel und den Rhein vom Roche-Turm aus.

Die Aussicht auf Basel und den Rhein vom Roche-Turm aus.

Nicole Nars-Zimmer niz

Es ist ja so eine Sache, als Hiesiger das Verhältnis zwischen den beiden Basel und der Restschweiz zu thematisieren. Leicht bricht der Lokalchauvinismus durch, der bei fast allen Einheimischen irgendwo in den Genen zu schlummern scheint. So stellt sich die Frage: Ist es eine Beleidigung oder ein Kompliment, wenn Christoph Blocher Basel als «eigene Region, die nicht schweizerisch sein will», bezeichnet? Er sagte das am Mittwoch an der Pressekonferenz zum Verkauf der «Basler Zeitung» an Tamedia. Dies als Begründung, weshalb er die Zeitung nicht auf der nationalen Bühne verankern konnte. Blocher wirkte dabei resigniert. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch sein Eingeständnis vor versammelter BaZ-Redaktion, es sei wohl ein Fehler gewesen, die Zeitung zu übernehmen.

Blocher wurde nie warm mit Basel. Das liess er immer wieder mal durchblicken. Weil die Region tatsächlich nicht seinem Schweiz-Bild entspricht. Seine Schweiz ist eine wehrhafte und praktisch autarke Insel voll gesunder, kräftiger Bauern und gütiger Patrons, die schon schauen, dass es recht kommt. So wie es die Propaganda in der Kriegszeit entworfen hatte. So wie es niemals war. Auf seiner Insel ist das Ausland nur als Handelspartner und sind die Ausländer nur als Arbeitskräfte interessant. Was zählt, ist der pekuniäre und niemals der kulturelle und gesellschaftliche Nutzen.

Basel tickt anders. Dieser Slogan, mit dem die Stadt lange beworben wurde, ist mehr als ein Marketingspruch. Die Basler und auch die Baselbieter glauben daran. Nicht im Sinne, dass man sich für etwas Besseres halten würde. Dieses Gefühl hegt man nicht einmal mehr gegenüber den Zürchern, wie das Sechseläuten mit Basel-Stadt als Gastkanton gezeigt hat. Aber im Sinne, dass man in einer speziellen Ecke der Schweiz lebt. Eine Ecke, die im täglichen Zusammenleben weder Kantons- noch Landesgrenzen kennt. Wo man in Baselland wohnt und in Basel-Stadt arbeitet und umgekehrt. Wo man über die Grenze nach Deutschland und Frankreich per Tram zum Einkaufen fährt. Wo man in Südbaden und dem Elsass jede Ecke kennt. Wo Tausende Grenzgänger täglich in der Pharma, in den Spitälern und im Coop arbeiten. Wo das kulturelle Angebot gemessen an der Einwohnerzahl Weltspitze ist. Kurz: Die Region bietet kaum Nährboden für nationalkonservatives Gedankengut.

Das heisst nicht, dass sich die Basler und Baselbieter nicht als Schweizer fühlen. Sie sind genauso schweizerisch wie ein Appenzeller oder eine Waadtländerin. Man ist stolz auf die Errungenschaften des Landes, auf das einmalige politische System. Man weiss um die Vorteile, gerade im direkten Vergleich zu den Nachbarländern. Die Stabilität, die Sicherheit, die funktionierende Bürokratie. Aber der Blick geht rheinabwärts, nicht durch den Jura ins Mittelland. Denn der Rhein führt in die Welt hinein, wie er auch die Welt nach Basel bringt.

Das mag ähnlich verklärend klingen wie Blochers Schweiz-Bild, und doch ist es ein tiefes Gefühl, die eigentliche Essenz, die das «Basler-Sein» ausmacht. Das ist Aussenstehenden fast nicht zu vermitteln (wie auch das Berner, Zürcher oder Aargauer Selbstverständnis nicht einfach nachvollzogen werden kann). Blocher hat sich dieser Welt, die ihm immer suspekt war, nicht wirklich angenähert. Man kann das nicht von Zürich aus tun. Ob das die neue BaZ-Besitzerin Tamedia weiss?

Eine heile Welt bilden diese drei Länder und die beiden Basel (plus das Solothurner Schwarzbubenland und das untere Fricktal) aber nicht. Denn zu diesem Gefühl gehört auch eine gehörige Portion Selbstzufriedenheit, die man sich nur leisten kann, weil die Grosschemie für massig Steuereinnahmen sorgt, und der Daig, die Oberschicht, das diskrete Mäzenatentum pflegt. Jedenfalls in der Stadt, die de facto weit ins Baselbiet hineinreicht. Entsprechend ist der Landkanton eigentlich zweigeteilt. Schematisch gesagt, verliert die Sogwirkung der Stadt erst ab Liestal an Wirkung. Und damit auch der Rhein.

Die Mentalität wandelt sich, was die Oberbaselbieter aber nicht viel näher zu Blochers Schweiz führt. Man behält den Jura stets im Rücken, fühlt sich als Teil der Grossregion, lehnt aber jede politische Annäherung an die Stadt ab. 2014 wurde zuletzt über die Fusion, vielmehr über die Prüfung einer Fusion abgestimmt. Baselland war geschlossen dagegen, sogar die Agglo-Gemeinden, wohin viele Städter gezogen sind. So schnell wird niemand mehr einen neuen Anlauf wagen. Stattdessen regeln über 100 Staatsverträge das Zusammenleben des bürgerlichen Land- und des links-grünen Stadtkantons.

Man mag das als kurios empfinden und als anachronistisch für eine Region, deren Wirtschaftskraft ebenso steigt, wie die Bevölkerung wächst. Aber es ist die gelebte Realität in dieser kleinen grossen Gegend, die so viel schweizerischer ist, als es Blocher je wahrhaben wird.