2013
Auf dass der Nebel sich 2013 lichtet

Rück- und Ausblick: «Nordwestschweiz»-Redaktoren kommentieren ihr Bild des Jahres. Der Chefredaktor Christian Dorer erklärt seine persönliche Auswahl.

Christian Dorer
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Hochnebel liegt über dem Urnersee. Sonnenuntergang ab dem Fronalpstock, fotografiert von Alessandro Della Bella.

Hochnebel liegt über dem Urnersee. Sonnenuntergang ab dem Fronalpstock, fotografiert von Alessandro Della Bella.

Keystone

Kommt es Ihnen auch so vor, als verginge die Zeit immer schneller? Meine Erklärung dafür ist die: Je älter wir werden, desto weniger macht ein einzelnes Jahr an der Gesamtheit unseres Lebens aus – und deshalb erscheint es uns immer kürzer. Ein Jahr entspricht 10 Prozent des Lebens eines Zehnjährigen. Ein Jahr entspricht aber nur 1,25 Prozent des Lebens eines 80-Jährigen. Wissenschaftlich erhärtete Antworten zu diesen Fragen gibt der Zeitforscher Karlheinz Geissler auf den Seiten 2 und 3.

Viele Menschen nehmen die Tage um den Jahreswechsel zum Anlass für einen persönlichen Rückblick. Was ist geglückt, was schiefgelaufen? Wir laden Sie ein, liebe Leserinnen und Leser, zusammen mit uns zurückzublicken. Fotochefin Peggy Knotz hat für das Jahresquiz auf den Seiten 10/11 die Ikonenbilder 2012 ausgewählt. Zusätzlich kommentieren Redaktoren der «Nordwestschweiz» ein Foto, das sie 2012 bewegt hat.

Für die Frontseite habe ich mich für dieses Landschaftsbild entschieden, das der Fotograf Alessandro Della Bella vom Fronalpstock aus aufgenommen hat. Es versinnbildlicht, in welcher Lage sich unser Land am Ende des Jahres 2012 befindet: In vielen Fragen stochern wir im Nebel. Wenn wir jedoch den Mut haben zum Perspektivenwechsel, so erkennen wir erst die Grosswetterlage. Und die gibt Grund zu Optimismus.

Ein verlorenes Jahr

Das, obwohl 2012 für die Schweiz als verlorenes Jahr in die Geschichte eingehen wird. Der Steuerstreit mit den USA hat sich verhärtet, und im Steuerstreit mit Europa sind wir nach dem Nein Deutschlands zur Abgeltungssteuer so weit wie zuvor. In der Energiewende kam 2012 der Kater nach dem Fest – will heissen: Die Erinnerung an Fukushima verblasst erstaunlich schnell, der Widerstand der Energieindustrie wächst. Zu ernsthaftem Kopfweh angewachsen sind die Sorgen über die Zuwanderung. Die Erkenntnis reift, dass die Schweiz auf Dauer nicht jährlich 80000 zusätzliche Bewohner aufnehmen kann. Mit Rolf Dörig hat im «Nordwestschweiz»-Interview erstmals ein Top-Wirtschaftsführer eine Beschränkung gefordert – was im Wirtschafts- und Polit-Establishment hohe Wellen wirft.

So präsentiert sich die Sichtweise, die man unter der Nebeldecke hat. Wer den Blick erweitert, erkennt, dass 2012 auch viel Gutes gebracht hat: Der Euro ist nicht auseinandergebrochen, die Wirtschaft hat sich einigermassen stabil gehalten, der Machtwechsel in China ist geordnet verlaufen, und so weiter. Das sind alles Dinge, die wir heute als gegeben betrachten, die aber vor einem Jahr mit grossen Fragezeichen behaftet waren. Und die einen grossen Einfluss auf unser Wohlergehen haben.

2013 bleibendie erwähnten Unsicherheiten gross. «Der Sonntag» hat vor einer Woche Persönlichkeiten gefragt, warum es unserem Land trotzdem so gut geht. Da wurden genannt: Innovationskraft, tiefe Arbeitslosigkeit, Balance der Regionen, Kulturen und Sprachen, gesunde Staatsfinanzen, funktionierende Sozialwerke. Am treffendsten formuliert hat es der Unternehmer Thomas Schmidheiny: «Weil das Schweizervolk so klug entscheidet. So konnte die Politik nie überborden.»

Das Volk ist in der Tat der ausgleichende Faktor. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass es in den entscheidenden Fragen auch 2013 klug und pragmatisch entscheiden wird. Auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Weitblick, Optimismus, Glück und Gesundheit im 2013!