Kolumne zum WEF-Programm
Auch Postkarten vom Saturn

In ihrer Kolumne widmet sich Politikphilosophin Katja Gentinetta dem WEF-Programm: Ein Rundgang liefert eine kleine Phänomenologie.

Katja Gentinetta
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Keystone

Komplex, vernetzt, abhängig, nachhaltig, gemeinsam, kollaborativ (so weit, so gut) – Gesellschaft, Verantwortung, Kooperation, Offenheit, Inklusion, Innovation (wichtig) – Disruption, Populismus, Extremismus, Unsicherheit, Misstrauen, Angst, Instinkt, Barrikaden (keine Dringlichkeit ohne drohende Katastrophe) – Klimawandel, Terrorismus, Protektionismus (genannt: die wahren Herausforderungen) – Frauen, Elternurlaub, Kinderbetreuung (Sie haben richtig gelesen: ich schreibe über das WEF) – Waschmaschinen, Solarzellen (die Rede ist nicht von hausfraulichen Pflichten, sondern den konkreten Niederungen des Protektionismus).

Katja Gentinetta, Politikphilosophin und Beraterin

Die promovierte Philosophin berät Unternehmen in gesellschaftspolitischen Fragen. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität St. Gallen und und moderierte bis Ende 2014 die «Sternstunde Philosophie» am Schweizer Fernsehen. Zudem ist sie Managing Partner von GENTINETTA*SCHOLTEN und moderiert zusamme
mit Eric Gujer die
NZZ-Standpunkte.

Wovon hier nicht geredet wird, das gibt es nicht

Entlang dieser umfassenden Keywords der Begrüssungen und Eröffnungsreden am WEF gibt es im Global village während vier Tagen praktisch kein Thema von globaler oder nationaler gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher oder sonst wie Bedeutung, das nicht diskutiert wird: der ökonomische Ausblick in die Weltwirtschaft (muss sein), der geostrategische Blick in den Cyberspace (liegt irgendwo zwischen Horror und Abenteuer), der energiesystemische Blick auf den Globus (klingt nur technisch, ist es aber keineswegs), ökonomische Narrative (Fakten werden offenbar auch hier sekundär), digitale Ökonomie (wen treibt das nicht um), Welthandel (ebenso) und Lohnunterschiede (das nun betrifft nicht alle gleichermassen), die nächste Finanzkrise (darüber rätseln wir schon lange), Cybersicherheit (die Unsicherheit sucht uns alle heim), nachhaltige Nahrung (gemeint ist nicht die nachfesttägliche Diät, sondern die globale Ernährung), das neue Gesundheitsparadigma (die Spannung zwischen Personalisierung und Big Data liegt auf der Hand), Rentenkapitalismus (Kritik muss auch mal sein), inklusive Entwicklung (dafür aber auch hoffnungsvolle Konzepte), Geschlechtergleichheit, Macht und sexuelle Belästigung (nach #MeToo auch am WEF ein must – das Thema, meine ich), die vierte industrielle Revolution (klingt fast schon ein wenig nach gestern), den Konsumkapitalismus neu denken (das ist nun beinahe eine Provokation), das Ende des leichten Geldes (fängt das zehn Jahre nach der Finanzkrise nicht gerade erst wieder an?), hin zu einem besseren Kapitalismus (mal ganz generell gesehen).

Im atemlosen Gang durch das Programm leuchten doch hier oder da überraschende Themen auf: Wie die Globalisierung vor sich selbst retten? (eine Punktlandung, dieser Titel), wie wird China die Welt regieren? (dass es das tun wird, gilt offenbar als ausgemacht), die Rettung der Aufklärung (leider keine Selbstverständlichkeit), wird die Zukunft menschlich sein? (gute Frage).

Dann gibt es Programmankündigungen, die sich nicht auf Anhieb erschliessen: die Bewaffnung der Kultur (gemeint sind nicht Theaterhäuser oder Museen, sondern Völker, Nationen, Ethnien); die unsichtbare Überwachung (wir überwachen uns durch künstliche Intelligenz selbst), wie die Produktivitätskrise überwinden (statt «businesses» las ich: «bussiness men», ein freudscher Verleser).

Zweimal Meditation: Glück und Hoffnung

Gegen Ende dann mutiert das Global village in eine «Begegnungszone». Nachdem alles abgehandelt ist, was wichtig (faktisch, hart und unumgänglich) ist, kommen auch noch die «weichen» (der terminus technicus für alles, was das genau nicht ist) Themen dran: die Geheimnisse eines langen und glücklichen Lebens (sicher eine grosse gemeinsame Mindfulness-Meditation), Postkarten vom Saturn (das geht wissenschaftlich und esoterisch), zwischen Vision und Dilemma (Achtung: das gibt noch mal richtig zu denken), Leiden in der Stille: wie Depression bekämpfen (hat, wenn ich richtig informiert bin, auch mit Überforderung zu tun), Räume der Hoffnung (zweite Mindfulness-Session – Meditation will ja geübt sein), und kurz vor dem Schlusskonzert (nicht: Schlussgebet) dann noch die Kraft des Vertrauens – oder des Glaubens? (das englische Wort «faith» lässt ja beide Übersetzungen zu, vielleicht wird deshalb vorsorglich im Untertitel nur auf die Narrative verwiesen, nicht auf die eigentlichen Glaubensinhalte – man will ja nicht im Streit auseinandergehen.)

Dabei gäbe es in diesem Jahr ein so einfaches Programm – für alle (wie es links so schön heisst): Schnee schaufeln! Ist erfrischend, gibt rote Backen und zeigt einem gnadenlos, welche Muskeln man nicht hat.