Fahrländer
Atommüll strahlt bis ans Ende der Tage

Hans Fahrländer
Hans Fahrländer
Merken
Drucken
Teilen
Das Gebiet Jura Ost rund um den Bözberg ist ein möglicher Standort für ein Atommüll-Tiefenlager. (Symbolbild)

Das Gebiet Jura Ost rund um den Bözberg ist ein möglicher Standort für ein Atommüll-Tiefenlager. (Symbolbild)

KEYSTONE

Heute schreibe ich über ein Problem, dessen Lösung ich nicht mehr erleben werde (ein komisches Gefühl, die eigene Endlichkeit wird einem so richtig bewusst). Es geht um die Endlagerung des Atommülls. Wir stehen demnächst am Ende von Phase 2 des «Sachplanverfahrens geologisches Tiefenlager des Bundes». Im Rennen sind noch drei Standorte, einer davon ganz im Aargau (Jura Ost), einer teilweise (Nördlich Lägern). Die Regierung aber lehnt einen Standort im Aargau weiterhin ab («grundsätzlich ab», schreibt sie in ihrer Stellungnahme). Zugleich ist sie aber «gewillt, im Standortauswahlverfahren konstruktiv mitzuarbeiten». Als Entscheidungskriterium dürfe allein die Sicherheit von Bevöl- kerung und Umwelt zählen.

Ist das nicht ein Widerspruch? Und wenn vertiefte Abklärungen ergeben, dass der sicherste Standort im Aargau liegt? Müsste die Regierung nicht sagen: «Wir warten zunächst alle Untersuchungen ab (in Phase 3 geht es um die Erarbeitung der Rahmenbewilligung), fordern unseren Einbezug in allen Belangen – und entscheiden dann, wie wir uns zur Sache stellen.» Ja, nach den Gesetzen der Logik müsste sie sich so verhalten. Indes, auch eine Regierung darf sich mal ostentativ (gemäss Duden: bewusst herausfordernd) äussern, darf ein Zeichen auf Vorrat setzen. Ihre berechtigte Sorge: Im Verfahren regiert nicht nur die Geologie, sondern auch die Politik. Wohlfeile Argumente sind etwa: Die Aargauer sind sich den Umgang mit Atomenergie gewohnt, dort ist der Widerstand am kleinsten. Oder: Im Aargau stehen die meisten Atomkraftwerke, so wären die Wege ins Lager am kürzesten. Oder: Zu nahe am Rhein darf das Lager nicht liegen, sonst gibts Ärger mit den Deutschen, also rein in den Bözberg (Jura Ost). Solche Argumente sind, mit Verlaub, Blödsinn. Ich möchte das heute schon gesagt haben, weil eben: Ich erlebe das Tiefenlager nicht mehr. Der Fahrplan: 2029 Rahmenbewilligung, 2031 Volksabstimmung, 2032 Baubeginn, 2050 bis 2060 Einlagerungsbeginn.

Übrigens: Ich habe immer gemeint, Atommüll strahle «nur» ein paar hunderttausend Jahre. Soeben lese ich in der jüngsten Kolumne des Astrophysikers Ben Moore im Magazin des «Tages-Anzeigers»: «Radioaktive Isotope unserer nuklearen Abfälle und Raketentests werden bis zum Ende unseres Planeten fortbestehen.» Wie gesagt, Moore ist Professor für Astrophysik, nicht Chef von Greenpeace. Wohl nimmt die Gefährlichkeit der Strahlung nach ein paar hunderttausend Jahren ab. Aber Überbleibsel sind noch da. Bis die Erde vergeht. Was für eine unheimliche Geschichte.