Luft-Turbulenzen
Anschnallen, jetzt wird’s rau

Gedanken über ein unsichtbares Phänomen, das gerade Vielflieger trotzdem spüren: Die Luft-Turbulenzen werden heftiger.

Max Dohner
Max Dohner
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Turbulenzen beim Fliegen nehmen zu. (Symbolbild)

Turbulenzen beim Fliegen nehmen zu. (Symbolbild)

Lassen wir, zur Sicherheit, einen Ballon steigen, ehe wir zum Flugzeug drängeln, ab in die verdienten Ferien. Wie wir rasch erkennen, steigt der Ballon nicht gerade auf; er schwankt, saust hin und her, zieht schräg nach unten, schmiert wieder ab ... Wir sehen es nicht, aber in der Luft müssen alle Geister los sein. Ein Tosen und Schwirren «wie in der Waschküche» – so verglich man das früher, als es noch Waschküchen gab. Wären wir selber der Ballon, würden wir wohl von einem Höllentrip über die Achterbahn reden.

Nicht anders fühlt es sich an, wenn wir im Flugzeug sitzen und unerwartet in ein «Luftloch» fallen. Piloten kennen keine «Luftlöcher», der Magen schon. Das Absacken der Maschine beträgt da manchmal nur zehn Meter. Ein Klacks, könnte man meinen, bei 10 000 bis 12 000 Meter Flughöhe. Stellen Sie sich aber vor: Sie sitzen gemütlich in ihrem Sessel auf einem Zehnmeter-Sprungturm, eine Tasse Kaffee in der Hand. Und dann stösst Sie jemand von hinten einfach runter vom Turm. Immer noch ein Klacks?

Deshalb rät die Besatzung im Flugzeug, «während des ganzen Flugs angeschnallt sitzen zu bleiben». Ein Rat, den man beherzigen sollte. Was die Besatzung nämlich nicht sagt, ist die Tatsache, dass sich Turbulenzen häufen seit geraumer Zeit. Und sie werden heftiger. Vielflieger mit achtzig bis hundert Flügen pro Jahr, Piloten, Wissenschafter haben es wahrgenommen. Presseberichte erscheinen zum Phänomen, weniger noch im deutschsprachigen Raum, aber im angelsächsischen: «Turbulence is on the rise» («The Guardian»), «Bumpier flights» («The Independent»). Auch CNN berichtete; Donald Trump wird den Sender spätestens dann nicht mehr zu Boden ringen, wenn er mit seiner «Airforce One» selber mal von Turbulenzen fast zu Boden geworfen wird auf dem Trip zum Golfen.

Trump first or not – mit dem Klima haben die Turbulenzen zu tun; das sagen Wissenschafter. Paul Williams von der englischen Universität Reading sagte gegenüber dem «Independent»: Alle Resultate seiner Forschungsgruppe zeichneten «das detaillierteste Bild darüber, wie Luft-Turbulenzen eine Folge sind des Klimawandels». Für die meisten Passagiere sei vorübergehendes Rütteln im Flieger nicht mehr als eine mühsame Unterbrechung ihres schläfrigen Komforts. Aber «selbst Vielflieger wären alarmiert», sagte Williams weiter, «über die Aussicht einer Zunahme heftiger Turbulenzen von 149 Prozent». Das ist Kraftfutter für die Flugangst, auch wenn die Airlines beteuern, wie flexibel ihre Flugzeuge heute im und gegen das Gebläse segeln (man kann das selber nachprüfen durchs Bullauge an den aussen schwingenden Flügeln).

Luft ist nicht gleich Luft in unterschiedlichen Höhen. Sie bewegt sich nicht unbedingt in gleicher Richtung; sie ist geschichtet, sodass die eine Luft durchaus der anderen entgegendriftet. Anderseits geht es auch vertikal rauf und runter, gegen- und durcheinander. Spezialisten nennen das «instabile Schichtung» – «Wirrwarr» sagt dasselbe. Es ist keine Wach-, sondern eine Hexenküche. Ein Gebräu, worin unser Schicksal blubbert. Doch die eigentliche Pointe kommt erst jetzt: Eine ganze Menge dieser Turbulenzen seien vorab gar nicht zu erkennen, schreibt der «Spiegel online» – nämlich die sogenannten Clear Air Turbulences oder Schwerewellen. Für Piloten sei das wie eine unsichtbare Brandung.

Und für uns hinten, die wir nichts draussen erkennen? Nichts ahnen und lediglich murmeln: «Ich nimme na en Campari Soda ...» Wie in diesem Lied, dem Überflieger schweizerischen Musikschaffens, endet es in Philosophie: «Es isch, als gäbs mi nüme meh.» Mehr Philosophie ist nicht nötig. Zum Summen der Turbinen lasse man nur brummen, was die Nachrichten täglich raunen: Schwerewellen überall, Bewegung allenthalben, weitgehend unsichtbar. Alle beschleicht das Gefühl, wie Piloten es nennen: Wir steuern in die «unsichtbare Brandung». Vorne aber, und das ist unser Gefühl in der Schicht ganz unten, sitzen keine fähigen Piloten mehr.

Gestern sagte der Verfassungsschutz in Deutschland, überall gebe es mehr Extremisten – bei den Salafisten, bei den Reichsbürgern, bei den Ultralinken; bei Letzteren hat immerhin die Zahl der Straf- und Gewalttaten abgenommen. Übergriffe gegen Migranten und Politiker steigen. Im «House of Cards» lächelte Kevin Spacey als US-Präsident dünn: «Die Leute haben es noch nicht bemerkt: Das Zeitalter der Vernunft ist vorbei.»