Leben in Aarau
Am Totenbett der Eigenverantwortung

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Das Lieblingsmantra der Freisinnigen wird in der Coronakrise schmerzhaft seiner Illusion beraubt. Es scheint, als wären wir Schweizerinnen und Schweizer schlicht nicht in der Lage, eigenverantwortlich zu handeln. Noch am Tag, bevor das Maskenobligatorium im öffentlichen Verkehr im letzten Frühjahr in Kraft trat, sind Herr und Frau Schweizer munter maskenlos in Zug und Bus gestiegen. Das Fazit linker Kreise ist schnell gezogen: Die Eigenverantwortung ist tot.

Hier besteht jedoch ein fundamentales Missverständnis über die Bedeutung des Begriffs Eigenverantwortung. Wenn Bürgerliche von Eigenverantwortung sprechen, dann meinen sie oft nur Eigeninteresse. Sie rufen zu Eigenverantwortung auf, aber eigentlich ermuntern sie zu sozialer Verantwortungslosigkeit. Die politische Linke übernimmt das Verständnis «Eigenverantwortung = Eigeninteresse» von den Bürgerlichen. Sie sehen deshalb in diesem Begriff nichts anderes als ein schönfärberisches Wort für Egoismus.

Links wie rechts stilisieren damit eine falsche Gegensätzlichkeit von Eigenverantwortung und Solidarität herauf. Denn Eigenverantwortung beinhaltet neben der Verantwortung für uns selbst – Eigeninteresse – auch die Verantwortung für andere – Solidarität. Die Coronakrise verlangt von uns beides: Wir sollen uns durch die Hygieneregeln und den Abstand selbst schützen. Aber gleichzeitig müssen wir auch Verantwortung für andere übernehmen, indem wir uns bei Symptomen testen lassen und bei einer Infektion isolieren. Während wir Menschen als rationale Wesen relativ gut darin sind, die Konsequenzen unseres Handelns für uns selbst zu beurteilen, vergessen wir oft die Konsequenzen für andere. Diese Externalitäten – für die «Wannabe-ÖkonomInnen» unter uns – sind aber entscheidend dafür, ob individuell rationales Verhalten auch gesamtgesellschaftlich wünschenswert ist.

Die Eigenverantwortung kommt dann an ihre Grenzen, wenn eigeninteressiertes und solidarisches Handeln sich widersprechen. Genau das ist in dieser Pandemie leider oft der Fall – wie bei der Maskenempfehlung. Solange nicht ein Grossteil der Bevölkerung eine Maske trägt, ist der Einfluss des eigenen Maskentragens auf den Lauf der Pandemie minim. Gleichzeitig trägt man aber die Kosten – auch wenn das nur die schrägen und leicht belustigten Blicke der Mitreisenden sind. Solche Probleme werden in der Ökonomie auch als Trittbrettfahren bezeichnet. Wenn sich alle anderen freiwillig an die Massnahmen halten– Abstand halten, Kontakte reduzieren –, dann ist es für den Einzelnen immer attraktiv, dies nicht zu tun. Denn man profitiert von der Eindämmung der Pandemie, hat aber selbst keinen Aufwand. Die logische Konsequenz davon ist leider oft, dass sich niemand an freiwillige Massnahmen hält. Bei solchen Problemen braucht es den Staat, der mit einer Pflicht die Einhaltung garantiert.

Eigenverantwortung ist kein Allheilmittel. Diese jetzt zu Grabe zu tragen, wäre aber genauso verfrüht. Denn wenn eigeninteressiertes und solidarisches Handeln im Einklang sind, also wir selbst genauso wie die anderen deutlich profitieren, ist Eigenverantwortung die effizienteste Wahl. Das ist bei der Impfung der Fall, die im Gegensatz zur Maske nicht vor allem die anderen, sondern eben auch einen selbst wirksam schützt.

Wir brauchen in der Schweiz einen neuen Diskurs über Eigenverantwortung, der ihre Macht anerkennt, sich aber auch der Grenzen bewusst ist. Es mag an der Zeit sein, den schwammigen Begriff zu beerdigen, aber das Prinzip dahinter ist lebendiger als je zuvor.

Fiona Wiedemeier (26) ist Aarauerin, Europäerin, Feministin, Libera, foraus-Denkerin und Geschäftsführerin der GLP Kanton Zürich.

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