Wochenkommentar
Aarau liegt nicht in der DDR

Beim Spiel FCA - FCZ statuierte die Kantonspolizei Aargau ein Exempel. Ob der riesige Aufwand gerechtfertigt war, werden wir nie erfahren. Dass aber Unbeteiligte verhaftet wurden und als Kollateralschaden abgetan werden, ist ein Skandal.

Christian Dorer
Christian Dorer
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Pascal Werner wurde von der Polizei am Bahnhof Aarau festgenommen. Der Einsatzleiter argumentierte: «Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort.»

Pascal Werner wurde von der Polizei am Bahnhof Aarau festgenommen. Der Einsatzleiter argumentierte: «Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort.»

Chris Iseli

Die Kantonspolizei Aargau hat am vergangenen Samstag ein Exempel statuiert. Sie hat beim Spiel des FC Aarau gegen den FC Zürich den Gästesektor geschlossen und die Fans als unerwünscht erklärt. Damit wollte die Polizei Ausschreitungen vermeiden, wie sie Zürcher Krawallbrüder vor zwei Wochen in Basel veranstaltet hatten. 370 Polizisten standen im Einsatz, um die Anordnung durchzusetzen.

Christian Dorer, Chefredaktor Aargauer Zeitung.

Christian Dorer, Chefredaktor Aargauer Zeitung.

Mathias Marx

Ob der riesige Aufwand gerechtfertigt war, werden wir nie erfahren. Die Polizei steckt im Dilemma: Sie wird kritisiert, wenn sie keine Vorkehrungen trifft und etwas passiert. Sie wird aber auch kritisiert, wenn sie Vorkehrungen trifft und alles friedlich bleibt. Am Samstag kam es weder zu Ausschreitungen noch zu Sachbeschädigungen. So gesehen wurde das Ziel erreicht. Die «NZZ» stellte jedoch zu Recht fest: «Es fragt sich, ob die Massnahme längerfristig von Nutzen sein und als Abschreckung dienen wird. Man kann nicht jedes Wochenende zig Polizeikorps zusammenziehen, Zuschauer aussperren und so Fussballspiele sichern.»

Ebenso wenig jedoch kann man jedes Wochenende Schlägereien, Ausschreitungen und Sachschäden tolerieren. Darum ist es richtig, wenn die Polizei gegen
Hooligans vorgeht, die der grossen Mehrheit der anständigen Fans die Freude am Fussball verderben. Die Frage ist bloss: Wie tut sie das?

Solche Kollateralschäden darf es nicht geben

Mehrere Jugendliche oder deren Eltern meldeten sich Anfang Woche bei der az Aargauer Zeitung und berichteten, die Polizei habe am Bahnhof Aarau auch junge Leute festgenommen, die nichts mit dem Fussballspiel zu tun hatten, die zufällig zum gleichen Zeitpunkt wie die Fans mit dem Zug unterwegs waren.

Einer davon war der 19-jährige Banklehrling Pascal Werner aus Seengen. Er durfte der az mit Einwilligung seines Arbeitgebers erzählen, was er am Samstag erlebt hat: Mit einem Freund war er unterwegs an eine Geburtstagsparty nach Aarau und wurde am Bahnhof flugs festgenommen. Warum, bleibt das Geheimnis der Polizei. Weil viele FCZ-Fans in seinem Alter sind? Weil auch Hooligans Kapuzenpulli tragen? Weil die Nervosität zu gross war, um die Sache abzuklären? Erst rund drei Stunden später interessierte sich jemand für die Geburtstagseinladung, die er dabei hatte – und er kam wieder frei. «Du warst zur falschen Zeit am falschen Ort», meinte der Einsatzleiter.

Mit Verlaub: Das ist ein Skandal – und darf nicht als Kollateralschaden abgetan werden, den es halt bei einem solchen Einsatz geben könne, wie es jetzt heisst. Ebenso unhaltbar ist die Erklärung, man sei selber schuld, wenn man an einem explosiven Samstagnachmittag den Bahnhof Aarau nicht grossräumig meide. Bürger in der ehemaligen DDR zum Beispiel mussten damit rechnen, dass sie einfach mal verhaftet wurden, wenn sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren oder wenn ihr Aussehen Verdacht erregte. Bürger eines freien Landes müssen sich frei bewegen können. Oder wie würden Sie, liebe Leserinnen und Leser, reagieren, wenn Sie einfach mal kurz völlig grundlos festgenommen, gefesselt abgeführt und dann stundenlang festgehalten würden?

Ebenso absurd, ja hilflos, fallen die Reaktionen der Politiker aus. Da herrscht verkehrte Welt: Die Linken klagen normalerweise rasch, wenn irgendetwas nach zu viel Polizei riecht – jetzt aber sagt SP-Fraktionschef Dieter Egli, er nehme «zur Kenntnis, dass ein Einsatz diese Gefahr mit sich bringt». Die FDP ruft ständig nach mehr Freiheit und weniger Staat – jetzt aber findet Grossrätin Jeanine Glarner, die Verhaftung von Unbeteiligten lasse sich bei einem solchen Einsatz nicht verhindern. Die SVP kämpft für Law and Order. Deshalb ist es bemerkenswert, wenn Grossrat Daniel Wehrli jetzt völlig zu Recht sagt: «Solche Polizeieinsätze darf es nie mehr geben.» Immerhin, im Interview übermittelt Landammann und Sicherheitsdirektor Urs Hofmann (SP) eine Entschuldigung der Polizei an die zu Unrecht Festgenommenen.

Die Akzeptanz für hartes Durchgreifen ist gefährdet

Natürlich ist es einfach, einen Polizeieinsatz im Nachhinein vom Schreibtisch aus zu beurteilen. Da haben es die Polizisten an der Front schwieriger. Trotzdem sei die Behauptung erlaubt: Bei einem solchen Grosseinsatz muss es möglich sein, mit kurzen Überprüfungen und gesundem Menschenverstand Unbeteiligte von Krawallmachern zu unterscheiden. Falls dies nicht gelingt, wird die heutige Akzeptanz für das – unbedingt nötige! – harte Durchgreifen der Polizei gegen Hooligans schwinden.

Diktaturen verhaften lieber einen Unschuldigen zu viel als einen Schuldigen zu wenig. Demokratien müssen es genau umgekehrt machen.

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