Pressefreiheit
300 Zeitungen gemeinsam gegen Trump: Keine gute Idee

Grössere und kleinere Zeitungen, insgesamt rund 300 Publikationen, sind Donald Trump in die Falle gegangen. Kommentar zur Solidaritätsaktion der US-Presse.

Patrik Müller
Patrik Müller
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Frontseite des „Boston Globe“.

Frontseite des „Boston Globe“.

Schweiz am Wochenende

Initiiert vom «Boston Globe» haben nationale Titel wie die linksliberale «New York Times» ebenso wie konservative Lokalblätter in einer orchestrierten Aktion Leitartikel veröffentlicht. Darin verurteilen sie die Angriffe des US-Präsidenten auf die Medien und erklären, wie wichtig die Pressefreiheit ist. «Journalisten sind nicht die Feinde des Volkes», «Die freie Presse braucht Sie»: So und ähnlich lauteten die Schlagzeilen. Den Artikeln kann jeder Journalist und jeder Anhänger der Demokratie nur zustimmen, deshalb erhielten sie auch Lob von ausländischen Medien, etwa vom Zürcher «Tages-Anzeiger».

So richtig es ist, was die US-Presse schreibt, so falsch ist ihr Vorgehen. Das höchste Gut einer Zeitung ist die Unabhängigkeit – gegenüber der Politik, aber auch gegenüber ihren Konkurrenten. Konzertierte Aktionen unterminieren dieses Gut. Es gehört zur Freiheit einer Zeitung, eine Kampagne zu führen. Es gehört zur Freiheit eines Journalisten, sich als Aktivist zu verstehen. Doch gemeinsame Sache zu machen, das ist kontraproduktiv. In der verrückten Trump-Ära erst recht, wo unabhängige, wettstreitende Medien nötiger sind denn je, um die Demokratie lebendig zu halten.

Nun kann Trump der Presse via Twitter «Kollusion» vorwerfen (ein verschwörerisches Vorgehen gegen ihn). Logisch, dass die Aktion bei den 50 Prozent Amerikanern, die Trump gut finden, Unverständnis und Wut auslöst. Doch gerade diesen Teil der Bevölkerung, der mehr und mehr in einer Welt der alternativen Fakten lebt, müssten die Zeitungen zu erreichen versuchen. Für die anderen 50 Prozent ist das, was in den Leitartikeln steht, eine Selbstverständlichkeit. Wenn sich die Medien kollektiv auf den «Krieg» einlassen, den ihnen der Präsident erklärt hat, dann schadet das ihnen mehr als ihm.