Kommentar
Kühner oder gar tollkühner Bundesrat: In dieser Woche zeigt sich, ob die Schweiz ihren grössten Test besteht

Vorerst keine neuen Massnahmen trotz exponentiell steigender Omikron-Ansteckungen: Der Bundesrat treibt den Schweizer Sonderweg auf die Spitze. Er wettet darauf, dass die Spitaleinweisungen nicht übermässig zunehmen – obwohl das erst in den nächsten Tagen absehbar wird.

Patrik Müller
Patrik Müller
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Ein Foto mit Alain Berset im Vordergrund, dazu der Text: «Endlich macht der Bundesrat mal etwas richtig!» Es war die massnahmenkritische Bewegung «Mass-voll», die auf Twitter der Landesregierung applaudierte:

Diese Reaktion sagt einiges aus. Der Bundesrat verzichtet trotz sprunghaft steigender Omikron-Infektionen auf zusätzliche Massnahmen. Das ist kühn, vielleicht sogar tollkühn angesichts erwarteter Fallzahlen von 30'000 pro Tag oder mehr. Und in diesem Wert ist die Dunkelziffer noch nicht berücksichtigt, die in Deutschland auf den Faktor zwei oder drei geschätzt wird und auch hierzulande beträchtlich sein dürfte.

Der viel zitierte Schweizer Weg mündet gerade in einen äusserst schmalen Grat. Der Bundesrat baut darauf, dass die Ausbreitung der Omikron-Variante nur wenige Spitaleinweisungen nach sich ziehen wird. Das ist aber nicht sicher, denn die Hospitalisationen erkennt man erst mit Verzögerung.

Bundesrat Alain Berset verlässt sich derzeit darauf, dass die Omikron-Variante weniger schlimme Verläufe nimmt als die Delta-Mutation.

Bundesrat Alain Berset verlässt sich derzeit darauf, dass die Omikron-Variante weniger schlimme Verläufe nimmt als die Delta-Mutation.

Keystone

Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen: Wer sich mit Omikron ansteckt, hat das kleinere Risiko als bei Delta, im Spital oder gar auf der Intensivstation zu landen. Doch weil die Fallzahlen exorbitant hoch werden könnten und weil in der Schweiz die Impfquote tiefer ist als anderswo, bangt man in den Spitälern trotzdem. Kann man alle behandeln, die eingeliefert werden? Droht die Triage, vor welcher der Kanton Luzern bereits eindringlich gewarnt hat?

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob bei sehr vielen gleichzeitig Erkrankten die Grundversorgung – Gesundheit, Energie, Verkehr, Polizei – noch gesichert ist. Reicht es, die Quarantäne auf sieben Tage zu verkürzen, um Engpässe zu vermeiden?

Der Schweizer Weg war in der Pandemie übers Ganze gesehen bislang erfolgreich. Da war auch etwas Glück dabei. Hoffentlich bleibt es uns treu. Herausfordern sollten wir es nicht.

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