Gastkommentar
Immer Stress mit den Frauen: Wann wird wieder alles normal?

Wir alle wünschen sie uns zurück – die Normalität. Besonders nach Corona. Oder dem Stress mit den Frauen. Von 50 Jahren Frauenstimmrecht bis zum Tag der Frau. Aber welche Normalität eigentlich?

Patti Basler
Patti Basler
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Liebe Männer

Wann wird denn wieder alles normal?

Zuerst kam der Vaterschaftsurlaub, damit die Männer die von der Geburt geschwächten und ihre Karriere unterbrechenden Mütter wenigstens zwei Wochen lang unterstützen können; dann das Jubiläum zu 50 Jahren Frauenstimmrecht; dann Equal-Pay-Day; Burka-Initiative und nun auch noch Tag der Frau. Gleichstellung hier, Feminismus dort, jetzt ist dann aber auch mal genug mit diesen Frauenthemen, müsst ihr euch denken, jetzt könnte man wieder zur Normalität zurückkehren. Und damit habt ihr recht.

Es fragt sich nur, was denn diese Normalität ist.

Normal war für viele Jahrhunderte eine traditionelle Lebensform: Alle haben gearbeitet, ob Mann, ob Frau, die Frauen haben dazwischen noch einige Kinder geboren, die meisten Kinder sind jung gestorben, auch viele Frauen bei der Geburt oder im Wochenbett, doch es gab es zum Glück unverheiratete Schwestern und Brüder, Mägde und Knechte oder Grosseltern, welche sich um die Kinder kümmerten. Für sowas hatten arbeitsfähige Frauen nämlich keine Zeit, sie mussten auf dem Hof, im Stall, beim Gewerbe mitarbeiten. Trotz der hohen Frauensterblichkeit hielt sich der Männerüberschuss in Grenzen, dafür sorgten Kriege und Risiko-Tätigkeiten, von denen man die kostbaren gebärfähigen Frauenkörper lieber fernhielt. In den Grossfamilien war auch gar nicht immer so klar, wer jetzt mit wem genau wie verwandt war, da brachten gottlob Kriege, Völkerwanderungen und Geflüchtete ab und zu frisches Blut in die Täler und Krachen.

Normal war auch, dass Adel und reiche Bürgerschicht sich Bedienstete hielten, Kinderbetreuerinnen, stillende Ammen, der Hauspfarrer sorgte mit Gebeten oder Schäferstündchen im Beichtstuhl dafür, dass es endlich einen männlichen Nachfolger gab. Auch das ist eine glückliche Fügung, sonst wäre der Hochadel ungesund inzestuös geworden. Die Stammbäume, die ja nur männliche Linien zeigen, sind noch weniger wert als das Covid-Contact-Tracing.

Normalität war für eine sehr kurze Zeit nach den Weltkriegen, dass in einer Ehe jemand zu Hause blieb. Der Haushalt war noch aufwendig genug, um den Tag zu füllen, aber nicht mehr so anstrengend, dass man dafür Personal benötigte. Es ergab Sinn, dass körperlich anstrengendere Berufe von Männern ausgeübt wurden. Intellektuell anspruchsvollere Tätigkeiten waren den besser Ausgebildeten vorenthalten, das ist normal, das waren damals ebenfalls Männer.

Weiten wir den Blick, heisst Normalität für viele Spezies, dass die Männchen nur für die Befruchtung der Weibchen zuständig sind. Reine Samenliefermaschinen ohne weitere Bedeutung. Weibchen sind Ernährerinnen, Anführerinnen der Herde, des Schwarms, des Rudels. In der Nutztierhaltung ist es daher normal, dass junge Männchen meist gemästet und geschlachtet werden. Beim Federvieh sogar als Küken lebendig geschreddert. Nur den Weibchen ist ein längeres Leben vergönnt, da sie Milch, Eier und Jungtiere produzieren. Für die Befruchtung reichen inzwischen wenige männliche Exemplare und ein paar Samenbanken mit in Stickstoff gekühlten Röhrchen.

So etwas käme natürlich nicht in Frage für unsere Spezies. Zivilisation unterscheidet uns von den Tieren.

Keine Angst, liebe Männer, die Frauen wollen euch nicht ausschliesslich zur körperlich anstrengenden Hausarbeit verdammen. Oder in den Krieg schicken.  Ihr müsst auch nicht alle zu Hause bleiben, um für die Kinder zu sorgen, weil ja die Frauen im Schnitt besser und teurer ausgebildet sind. Und von barbarischen Methoden wie Schreddern, zu Tode stechen oder Auffressen nach der Begattung sehen wir ab.

Und was ist mit dem lästigen Feminismus? Er ist wie die Corona-Massnahmen: Mühsam, unsexy, beschwerlich und alle wären froh, wenn er bald vorbei wäre und es ihn nicht mehr bräuchte.

Halten wir noch etwas durch.

Bald wird alles wieder normal.

Bis dahin alles Liebe

Patti Basler

Patti Basler ist Autorin und Kabarettistin. Die studierte Erziehungswissenschafterin erhielt 2019 den Salzburger Stier und den Prix Walo (Comedy).