Gastkommentar
Träumen kommt vor Studieren – und: Appetit auf Zukunft ist Charaktersache

Über Autodidakten als leidenschaftliche Pioniere – zum Beispiel Werner Kieser. Dieser hat erst mit 65 Jahren mit dem Studieren begonnen, schreibt Ludwig Hasler in seinem Gastkommentar.

Ludwig Hasler
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Edison «erfand» 1879 die Glühbirne. Kein Geistesblitz, sondern hartnäckiges Testen und Ausprobieren.

Edison «erfand» 1879 die Glühbirne. Kein Geistesblitz, sondern hartnäckiges Testen und Ausprobieren.

Peter Wuermli/Keystone

Wir begegneten uns erst spät, verstanden uns auf der Stelle. Beide stammen wir aus handwerklichen Milieus. Er lernte Schreiner – und schuf nicht nur das international erfolgreiche «Kieser Training», er gab der Muskelkraft eine komplett neue Bestimmung. Nicht als Sport oder Fitness, sondern als Methode, wie ein Mensch Mensch wird, Motto: Will ich nicht am Gängelband von Moden und Mächtigen tanzen, muss ich meine eigenen Kräfte stärken. Von dieser Idee war Werner Kieser erfüllt, sie trieb ihn an, sie formte sein Leben, sein Werk. Studiert hat er erst ab 65, Philosophie. Zuvor gewann er all sein Wissen selber – weil er es brauchte, für seine Idee, nicht für einen Abschluss. Das wusste er dann zu verteidigen, auch gegen massiven Widerstand der Wissensbranchen, namentlich der medizinischen Gralshüter. Zuletzt war er selber ein Gelehrter. Im Mai ist er gestorben.

Hörte ich ihm zu, fiel mir Thomas Edison ein. Der erfand die Glühbirne, verbesserte den Telegrafen, das Telefon, brachte die erste aufladbare Batterie auf den Markt. Ein Professor? Mit MBA? Wenigstens Bachelor? Er war praktisch taub, galt darum als dumm, wurde als «geistig zurückgeblieben» von der Schule gewiesen, nach wenigen Wochen. Selber fand er diese Bildungsbiografie «ideal»; sie habe ihn davor bewahrt, Theorien anderer zu glauben. Er glaubte nur, was er selber testete: für die Glühbirne Zehntausende Materialien – bis er auf die verkohlte Bambusfaser als Glühfaden stiess. Das «Glück des Erfindens», sagte er, werde leicht übersehen, weil es in einem Overall stecke und nach Arbeit rieche. Edison starb 1931, erschöpft, mit 81 Jahren.

Etwas Bereicherndes anfangen kommt nicht aus Kompetenzen, sondern aus der Person

Was befähigt zu solch menschenbeglückenden Erfindungen und Unternehmen? Bildung? Wissen? Studium? Wir hängen das Wissen viel zu hoch – und den persönlichen Unternehmergeist zu tief. Nichts gegen «Kompetenzen», sie sind das Besteck, daran sollten wir schon feilen. Doch dabei nicht vergessen: Es kommt nicht darauf an, Kompetenzen zu haben. Entscheidend ist (im Beruf wie im Leben überhaupt), mit seinen Kompetenzen etwas Schlaues anzufangen. Und falls ich mit meinen Kompetenzen etwas Tüchtiges, Bereicherndes, Voranbringendes anfangen kann, so kommt das nie aus den Kompetenzen, sondern aus der Person. Die Frage lautet also nicht: Was weisst du? Sondern: Was ist mit dir los? Hast du etwas vor, einen Willen, eine Vista, einen Traum?

Edison hätte sich nicht in die Erschöpfung experimentiert, hätte ihn nicht ein Traum angetrieben: die Sehnsucht, aus der verdammten Dunkelheit dieser Welt hinauszufinden. Der Traum von einem helleren, leichteren, glücklicheren Leben. Bei Werner Kieser ebenso: Sein Antrieb war der Wille, die Menschen stärker zu machen. «Die Welt ein bisschen stärker machen, das Leben ein bisschen leichter.»

Je mehr Kraft ich in mir aufbaue, desto mehr Widerstand kann ich leisten

Die Idee von der Überwindung der Schwerkraft. Je mehr Kraft ich in mir selbst aufbaue, desto geringer wird die Chance der Schwerkraft, mich zu bedrücken, mich platt zu machen. Kraftaufbau als Akt der Menschwerdung: Kondition für Freiheit, für Würde. Ohne eigene Kraft kann ich zum Hanswurst beliebiger Kräfte werden, die auf mich einwirken wollen. Würde beginnt mit Widerstand. Widerstand braucht Kraft.

Das war so neu, dass er sich das Wissen dazu mühsam selber organisieren musste. Machte er. Wissen zum Gebrauch.

Noch einmal: Wir überschätzen das Wissen. Wissen ist ein Kind der Vergangenheit. Darum ist es Wissen, okay. Für Zukunft brauchen wir Menschen, die bereit sind, überliefertes Wissen anzuzweifeln. Typen wie Kieser, die sehen, was jeder sieht, dabei aber denken, was noch niemand gedacht hat. Das verlangt Mut. Charakter.

Von Werner Kieser habe ich gelernt: Appetit auf Zukunft ist Charaktersache.

Ludwig Hasler ist Philosoph, Publizist, Buchautor. Er ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CH Media.