Kommentar
Nachrichtensender Al Jazeera: Das Sprachrohr der Taliban

Katar hofiert die Taliban. Aber auch andere Staaten der Region buhlen um die Gunst der afghanischen Extremisten. Sie rechnen damit, dass die Gotteskrieger eine politische Grösse in der Region bleiben.

Michael Wrase, Limassol/Doha
Michael Wrase, Limassol/Doha
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Eine Redaktion des Nachrichtensender Al Jazeera.

Eine Redaktion des Nachrichtensender Al Jazeera.

Keystone

Als der ehemalige US-Präsident George W. Bush am 7. November 2001 den Krieg zur Befreiung von Afghanistan ankündigte, dauerte es nur wenige Minuten, bis sich Osama bin Laden zu Wort meldete. Als Sprachrohr diente dem damals von den Taliban beherbergten Al-Kaida-Boss der katarische Fernsehsender Al Jazeera. Seinen Aufruf zum «Heiligen Krieg gegen Juden und Christen» strahlte die Station zur besten Sendezeit aus.

Bin Laden und die meisten seiner Mitstreiter sind Geschichte. Die Taliban dagegen sind zurück in Kabul – und mit ihnen die Reporter von Al Jazeera. Während fast alle internationalen TV-Stationen die afghanische Hauptstadt teils überhastet verliessen, berichteten am Montag gleich drei Korrespondentinnen und Korrespondenten des katarischen Senders live aus Kabul und von der pakistanischen Grenze. Ohne die Zustimmung der Taliban wäre dies unmöglich. Als erstes Zugeständnis an die neuen Herrscher in Kabul trug Jazeera-Korrespondentin Charlotte Bellis brav ein Kopftuch.

Vor ihrer Rückkehr nach Afghanistan hatte die Taliban-Führung vor 18 Monaten im katarischen Doha, wo nächstes Jahr die Fussball-WM stattfindet, mit den USA ein Abkommen unterzeichnet, das «den Weg zu einem innerafghanischen Frieden» ebnen sollte. Während der anderthalbjährigen Verhandlungen hatten ihre Unterhändler in Fünfsternehotels genächtigt: Die Rechnung zahlte Katars Emir, der auch Hunderte Millionen in europäische Fussballklubs wie Paris Saint-Germain investiert.

Nach dem «Schlüsselmoment von Doha», wie der damalige US-Verteidigungsminister Mark Esper das «Friedensabkommen» pries, war der im letzten Jahr abgewählte US-Präsident Donald Trump sogar bereit, die Führung der Taliban persönlich in Doha zu treffen. Für die Amerikaner endete die Annäherung bekanntlich in einem Desaster.

Katar bleibt dagegen nicht nur im Geschäft. Auch in Zukunft, das ist sicher, werden offizielle Gespräche und Geheimverhandlungen mit den Taliban in Doha stattfinden. Nach dem Fall von Kabul dürften zahlreiche westliche Staaten den Kontakt zu den Taliban suchen, ohne dies unbedingt an die grosse Glocke hängen zu wollen.

Als Vermittler waren die Katarer schon immer gefragt. Ihre in den letzten Jahrzehnten aufgebauten Netzwerke gelten als die besten und effektivsten der Welt. Um erfolgreich zu sein, lautet die Devise in Doha, müsse man auch zu «schwierigen Zeitgenossen», sei es zu Iran oder den Taliban und ihren Terrorpartnern, Beziehungen aufbauen. Diese bestehen auch weiterhin zu den diversen Ablegern des Terrornetz­werkes Al-Kaida.

Offiziell anerkannt hatte Katar das im November 2011 von den USA zerschlagene Terror-Emirat der Taliban niemals. Diplomatische Beziehungen mit den Steinzeitkriegern unterhielten neben Pakistan lediglich Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Beide Staaten distanzierten sich in den letzten Jahren von den Taliban. Dagegen hatte sich der türkische Präsident schon in der letzten Woche bereit erklärt, «die Persönlichkeit zu treffen, die die Taliban als ihren Führer bestimmen werden».

Auch Iran hatte seit Monaten, wenn nicht Jahren, mit einer Rückkehr der Taliban gerechnet. Entsprechend freundlich wurden und werden die Führer der afghanischen Fundamentalisten in der Islamischen Republik behandelt. Ideologische Differenzen – Iran betrachtet sich als Schutzmacht der Schiiten, während die Taliban für eine radikal sunnitische Interpretation des Islam stehen – spielen keine grosse Rolle mehr.

«Es hat sich gezeigt, dass auf beiden Seiten ein stark pragmatischer Ansatz vorherrscht», erklärt Hamidresa Azizi von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Aus iranischer Sicht seien die Taliban schlicht zu einflussreich, als dass sie sich ignorieren liessen. Zu dieser Ansicht werden sich vermutlich noch viele Staaten durchringen, wenn die Taliban ihre Macht am Hindukusch erst einmal konsolidiert haben.

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