Gastkommentar
Die schönste Diktatur der Welt

Die Regierung hat uns fest im Griff. Muss man sich jetzt fürchten, Gesicht zu zeigen? Zum Glück gibt’s den Untergrund. Da kann man sich endlich wieder gegenseitig anlächeln.

Joëlle Weil
Joëlle Weil
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Man kann den Aufstand probieren, die Folgen sind bewältigbar: In der schönsten Diktatur der Welt.

Man kann den Aufstand probieren, die Folgen sind bewältigbar: In der schönsten Diktatur der Welt.

Urs Helbling

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages kitzeln in der Nase, es riecht nach Frühling. Draussen besingen die Vögel den neuen Tag und im Radio zwitschert die Regierung. Ein einsames Schiff kreuzt den See und der Barista hat ein Schaumherzchen in den Kaffee-To-Go gemacht. Guten Morgen. Es ist ein neuer Tag in der schönsten Diktatur der Welt.

Der Bus kommt wieder pünktlich. Ein müdes «Grüezi» entlocke ich dem Fahrer, als ich ihm wie ein Einhorn am Weihnachtsmorgen einen «Guten Tag» wünsche. Und da sitzen sie schon. Die Mitbürger. Alle halbverhüllt. Nieder mit dem Volksentscheid! Die Regierung hat uns fest im Griff. Muss man sich jetzt fürchten, Gesicht zu zeigen? Man flüstert hinter gehobener Maske, es gebe regelmässig Treffen unter freien Himmel, wo Bürgerinnen und Bürger sich des Stofffetzen entledigen, um gemeinsam filterfrei Luft zu atmen. Guter Stoff, diese Luft gepaart mit der Gesellschaft von maximal zehn Personen. Geiler Stoff.

Zum Glück gibt’s den Untergrund. Da kann man sich endlich wieder gegenseitig anlächeln. Vor Ausruf der Diktatur hat das freie Lächeln unsere Kultur definiert. Jetzt muss man das Strahlen erahnen. Fremde erscheinen plötzlich grimmig. Das kannten wir früher nur aus dem Fernseher. Eine düstere Erfahrung für uns alle. Wo ist das Strahlen hin? Verschwunden, in der schönsten Diktatur der Welt.

Auch das Singen wurde in den Untergrund verdonnert. Neu gehen folgsame Bürgerinnen und Bürger ihrer Leidenschaft heimlich unter der Dusche nach. War Singen doch früher Ausdruck öffentlicher Freude. Die Musik ist aus unserem Alltag verschwunden. Stattdessen lauscht man den Melodien mit kabellosen Kopfhörern, die wir unter Mützen verstecken. So tun sich neue Fragen auf: Hört er mich nicht? Oder interessiere ich ihn nicht? Fragen über Fragen. Man fühlt sich zunehmend ungehört, in der schönsten Diktatur der Welt.

Das Leben hat sich verändert. Harte Massnahmen, gegen diejenigen, die sich gegen die neuen Regeln erheben. Es wird mit harter Hand durchgegriffen. Ohne Gnade. OHNE GNADE! Das Establishment hat uns die Träume genommen. Grosse Aufläufe des Widerstands werden von den Bullen vom Rand beobachtet. Wenn Tausende gegen die Diktatur marschieren, stehen die Uniformierten mit Sicherheitsabstand zur Meute und beobachten den Aufstand. Da kommt einem doch das Grauen hoch. In solchen Situationen kriegt man die volle Wucht der Diktatur zu spüren. In den andern Ländern wird man beim Widerwort gehängt, geschlagen, gesteinigt. Bei uns wird man nicht angefasst. Ein Alpentraum, dieser Albtraum. So gestaltet sich Widerstand, in der schönsten Diktatur der Welt.

Und während wir alle der totalen digitalen Überwachung zum Opfer fallen, haben wir keine Bilder mehr von Reisen, die wir hochladen können. Können wir doch nur hinter verschlossener Tür zusammenkommen. Und weil wir unsere Daten nicht teilen, werden sie uns einfach genommen. Entwendet. Geklaut. Wo endet das, frage ich Sie? Gesichtserkennung bei Smartphones? Kontaktlose Bezahlung? Bald lernen wir unsere grosse Liebe digital kennen und nicht mehr in der Bibliothek! Plötzlich gehört unsere Identität nicht mehr uns. Wie ärgerlich. Haben wir uns doch ein Leben lang um Anonymität im Internet bemüht. Gnadenlos ist das Leben, in der schönsten Diktatur der Welt.

Soll keiner kommen und behaupten, wir hätten es nicht kommen sehen. Was haben wir uns zu Beginn doch mit Klopapier zugedeckt. Propheten waren all jene, die sich Zimmer mit dem weissen Gold vollgestellt haben. Heute steht es so schlimm um uns, dass nicht einmal eine Rolle uns in Sicherheit wiegen kann. So schaut wohl unser Ende aus, in der schönsten Diktatur der Welt.

Wollen wir so weiterleben? Man erzählt sich von fernen Ländern, wo dem Ganzen ein Ende gesetzt wurde. Ein kleines Fläschchen, ein kleiner Pieks. Und weils so schön war: Ein zweites Mal. Aber nein . . . wir lassen uns nicht lumpen. Wir folgen nicht einfach blind der Wissenschaft. Wir lassen uns keine Lösung diktieren. Wir wollen selbst darüber nachdenken. Das lange Grübeln ist der letzte Ausdruck unserer Freiheit, denn Kranksein muss man sich erst noch leisten können. Das ist alles, was bleibt, in der schönsten Diktatur der Welt.