Gastkolumne
Sei kein Frosch!

Der Mensch hat das System des Abwarten verinnerlicht. Die Quittung für uns Zögerer wird kommen, schreibt Komiker Peach Weber.

Peach Weber
Peach Weber
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Ein Frosch springt sofort aus heissem Wasser, wird es aber langsam erhitzt, bleibt er sitzen.

Ein Frosch springt sofort aus heissem Wasser, wird es aber langsam erhitzt, bleibt er sitzen.

Severin Bigler / ©

Es gibt kluge Sätze, die mich verfolgen, weil sie mir das Gefühl geben, dass sie das Wesen des Menschen kurz und knapp auf den Punkt bringen. So einen Satz habe ich vor einiger Zeit in einem Sternstunde-Gespräch von dem Schriftsteller und Historiker Philipp Blom gehört: «Der Mensch lernt nicht durch Argumente, sondern nur durch Erfahrung.» Natürlich haben das schon andere Denker vor ihm so gesehen und vielleicht ein ganzes Regal voller Bücher darüber geschrieben, deren Quintessenz aber vielleicht auch nur diese Erkenntnis ist.

Meine Beobachtung des menschlichen Verhaltens fühlt sich durch diesen Satz ziemlich bestätigt. Das heisst natürlich herzlich wenig für die Wahrhaftigkeit dieser These, dessen bin ich mir schon bewusst.

Natürlich liessen sich Beispiele anführen, die das Gegenteil bewiesen, aber ich glaube, das sind dann nicht die sehr wichtigen Fragen, sondern Detailprobleme, die für den Menschen keinen grossen Aufwand oder Verzicht bedeuten.

Es gibt ja auch das Wort «Prokrastination», welches ein Phänomen ziemlich genau benennt: Man sollte eigentlich eine grosse Aufgabe erledigen, macht aber zuerst alles andere, einfachere und schiebt die grosse Aufgabe immer weiter hinaus. Das beherrsche ich meisterhaft.

Und es gibt das berühmte Frosch-Experiment, das besagt: Wenn man einen Frosch in eine Pfanne mit heissem Wasser wirft, springt er blitzartig hinaus. Wenn man ihn aber in eine Pfanne mit kaltem Wasser setzt und das Wasser langsam erhitzt wird, sitzt er so lange drin, bis er für den Franzosen servierbereit ist.

Ein Beispiel für das Hinausspringen (sofort handeln) wäre Corona. Ein Beispiel für das Sitzenbleiben wäre die Klimakrise. Beide Wörter hängen vielen Leuten schon zum Halse heraus. «Corona», nachdem wir sofort und schon seit bald zwei Jahren alle Hebel in Bewegung gesetzt haben. Aber auch das Wort «Klimakrise», und zwar schon bevor wir einen wesentlichen Hebel angesetzt haben. Da finden wir in der Pfanne die Temperatur noch nicht bedrohlich.

Warum hat der Mensch dieses System des Abwartens verinnerlicht? Vielleicht, weil es bisher meistens noch relativ glimpflich abgelaufen ist? Weil er bisher oft im Nachhinein sagen konnte: Seht ihr, es ist gar nicht so schlimm geworden, wie ihr behauptet habt? Ich frage mich immer wieder, warum der Mensch nur handelt, wenn die Hütte brennt.

Er lässt, ein Beispiel von mehreren, das Internet, das zweifellos auch hilfreiche Seiten hat, einfach unkontrolliert weiterlaufen, scheut sich vor Regulierungen und gibt seine Daten willig in die Hände von Digital-Schnuderbuben. Die Quittung dafür wird noch kommen. Irgendwann wird uns ein Digital-GAU zeigen, dass ohne Strom dieses Glitzer-Schlaraffenland zum nutzlosen schwarzen Loch wird.

Die grenzenlose, zügellose Finanzwelt mit der neuesten Krypto-Furzidee wäre ein anderes Beispiel.

Wir haben es jetzt noch in der Hand, zu entscheiden, wie wir den kommenden Generationen in Erinnerung bleiben wollen: als die Idioten, die alles wussten und nichts getan haben, oder als die Mutigen, die mit aller Kraft zumindest versucht haben, sich mit der Steinschleuder vor den Goliath zu stellen. (Zutreffendes bitte ankreuzen.)

Und kommen Sie mir jetzt ja nicht mit Eigenverantwortung! Die könnte man ehrlicherweise durch das Wort «Herumwursteln» treffender ersetzen, das versuchen wir jetzt schon seit Jahrzehnten. Eigenverantwortung übernehmen wir gerne, wenn es nicht wehtut und uns nichts kostet. Damit kann man vielleicht die kleinen Probleme lösen, für die grossen haben wir ja eigentlich die Politiker erfunden und bezahlt. Die haben das aber irgendwie nicht alle richtig verstanden.

Sollten Sie jetzt von mir noch einen Lösungsansatz erwarten, dann haben Sie nicht sehr gut mitgedacht, denn ich bin auch nur ein Mensch und hocke neben Ihnen in der Pfanne.

Der Komiker Peach Weber steht seit 40 Jahren auf der Bühne. Auf den 15. Oktober 2027 ist seine Abschiedsvorstellung im Hallenstadion Zürich terminiert.

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