Neuer Film
Zwischen Kunst und Vandalismus: Die Graffiti-Crew KCBR setzt zum zweiten Streich an

Heute lanciert die Zürcher Graffiti-Crew den zweiten Film über ihre illegal gesprayten Graffitis. Worunter Liebhaber dieser Kunstform «Humor» verstehen, werden die Gesichter der SBB und der Behörden jedoch ernst.

Lina Giusto
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Der Schriftzug der Zürcher Graffiti-Crew ist an unzähligen Orten zu sehen.

Der Schriftzug der Zürcher Graffiti-Crew ist an unzähligen Orten zu sehen.

zvg

«Live Life Like» steht in fetter weisser Schrift zu Beginn des Videos. Es folgt ein verwackeltes Bewegtbild. Tatort ist der Bahnhof Altstetten. Das erkennt man an den farbigen Säulen vor dem Gebäude der Bank Julius Bär. Die Kamera schwenkt nach links, eine S-Bahn erscheint im Bild. Währenddessen singt eine zierliche Frauenstimme die Worte «I saw her today at the reception» – ein Cover des RollingStones-Songs «You can’t always get what you want». Bei der Vorbeifahrt der S-Bahn kann der Zuschauer feststellen, dass ein Graffito die gesamte rechte Seitenwand ziert. Der weiss-graue Schriftzug lautet «Fuck the Police».

Beim rund dreiminütigen Video handelt es sich um den jüngsten Streich der wohl aktivsten Zürcher Graffiti-Crew KCBR: Es ist der Trailer zu ihrem neuen Film, der heute in Zürich Premiere feiert. Zeit und Ort werden zu gegebener Zeit über das Soziale Netzwerk Facebook bekannt gegeben. Kommenden Frühling sind es zehn Jahre, seit die Mitglieder von KCBR in Zürich Fassaden, Dächer, Lieferwagen, Trams und SBB-Bahnwagen mit ihrem Logo, Liebeserklärungen oder Provokationen besprühen.

Erster Film vor vier Jahren

Bereits vor vier Jahren haben die Sprayer von KCBR einen Film mit dem Namen «Live Life Like 2013» herausgegeben. Dass diese Worte nun auch im neuen Trailer auftauchen, ist gewollt. Dennoch wird der Name des neuen KCBR-Films erst an der Premiere öffentlich gemacht.

Dass der Trailer mehrheitlich aus misslungenen, wackeligen und unscharfen Kameraeinstellungen zusammengeschnitten wurde, dürfte kein Zufall sein. Zwar geht die Crew bei ihren Spray-Aktionen jeweils mit viel Sorgfalt, Planung und Disziplin vor: Sie wissen genau, was sie sprayen wollen und wie viele Minuten Zeit sie dafür haben. Die Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel kennen sie bis ins Detail auswendig. Die Aufnahmen zum neuen Trailer sind Dokumentationen ihrer «Arbeiten». Sie entstehen innerhalb von Sekunden, für den Filmer gibt es lediglich diese eine kurze Zeitspanne, das auf der vorbeifahrenden S-Bahn angebrachte Graffito einzufangen.

Kunst oder Vandalismus

Graffiti auf Zügen – «Train Graffiti» genannt – stehen auch beim zweiten Film im Fokus. Mehr aber noch geht es um den Blickwinkel, wie die Truppe ihre Werke filmisch festhält. Auch dafür steht der Name KCBR. Im Dunstkreis der Zürcher Graffiti-Szene wird gemunkelt, dass die Crew ihre illegalen Graffiti wie auch die Lancierung eines weiteren Films als «Humor» bezeichnen. Dem Zuschauer soll damit vermittelt werden, wie viel Arbeit hinter dieser – nicht von jedermann anerkannten – Kunstform liegt.

Weder die SBB noch die Fachstelle Graffiti der Stadt Zürich sowie die Stadtpolizei würden an dieser Stelle von Kunst reden. Im Zusammenhang mit Sprayereien fallen Worte wie Sachbeschädigung und Vandalismus. Aus der Statistik der Stadtpolizei Zürich geht hervor, dass in den letzten Jahren rund 2000 Anzeigen pro Jahr wegen Graffitis eingegangen sind. Die Zahl ist in den letzten fünf Jahren stabil geblieben.

Bei den SBB beispielsweise belaufen sich die Vandalismusschäden 2016 auf 5,6 Millionen Franken. Diese Kosten wiederum belasten das SBB-Budget: «Die Vandalenakte beeinflussen indirekt auch die Berechnung der Billettpreise, denn im Endeffekt zahlen Kunden über den Billettpreis oder über Steuern die Zeche für Vandalismus und Graffiti», sagt SBB-Sprecher Olivier Dischoe.

Jede Sprayerei wird angezeigt

Deshalb bringe man auch jede Sprayerei zur Anzeige, die Züge würden innerhalb von 24 Stunden gereinigt. Ähnlich sieht es bei der Stadt Zürich aus: «Illegale Graffiti auf städtischen Gebäuden und Flächen werden grundsätzlich entfernt. Es wird nicht unterschieden», sagt die städtische Graffiti-Beauftragte Priska Rast.

Gemäss der Zürcher Stadtpolizei gebe es keinen spezifischen Ort, den Sprayer gezielt und wiederholt aufsuchen würden. Im Rahmen polizeilicher Patrouillen und auf Anzeige hin würden aber immer wieder Sprayer inflagranti ertappt. «Die SBB arbeiten zum Thema Graffiti mit Videoüberwachung und gemeinsamen Aktionen mit den Polizeien der Kantone sowie auch in internationalen Arbeitsgruppen», so Dischoe.

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