Prostitution
Zürcher Strichplatz: Einzige Unbekannte sind die Freier

Der Zürcher Strichplatz, der Ende August in Zürich-Altstetten eröffnet wird, soll die Situation der Frauen verbessern. Ob das landesweit einzigartige Angebot auch von den Freiern geschätzt wird, ist allerdings unklar.

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Strichplatz im Bau: Hier sollen demnächst die zehn Sexboxen errichtet werden.

Strichplatz im Bau: Hier sollen demnächst die zehn Sexboxen errichtet werden.

Bis jetzt ist der Strichplatz eine normale Baustelle: Arbeiter planieren ein Strässchen. Unter einem Baum warten Dusch- und WC-Container darauf, dass sie an ihren Bestimmungsort verschoben werden. Von den zehn Sexboxen, um die sich das ganze Projekt dreht, ist Mitte Juli noch nichts zu sehen.

Fertig ist der Platz voraussichtlich erst Ende Monat. Am 26. August wird die Anlage dann ihren Nutzern übergeben, während gleichzeitig der Strich am Sihlquai geschlossen wird.

Am neuen Ort werden sich die Frauen nicht mehr an einer normalen Strasse, sondern an einem extra dafür gebauten Rundkurs feilbieten.

Einige Bäume sorgen dabei für ein Minimum an Atmosphäre. Für den Sex fahren die Prostituierten mit den Männern in eine Box und nicht mehr in eine Quartierstrasse.

Platzverbot für Zuhälter

Die Prostituierten werden gerne vom Sihlquai nach Altstetten wechseln - davon ist man bei der Stadt Zürich überzeugt. Das neue Areal bietet ihnen mehr Sicherheit und bessere Bedingungen.

Es gibt Duschen, Toiletten, Garderobenkästchen, eine Beratungsstelle, die bei Vorfällen eingreift, und - sehr wichtig - absolutes Platzverbot für Zuhälter.

Das System der Ausbeutung werde dadurch zwar nicht aus der Welt geschafft, sagt Michael Herzig vom Sozialdepartement. Die Zuhälter würden ihren Einfluss nach wie vor geltend machen.

Die Arbeitsbedingungen könnten aber deutlich verbessert werden. Herzig hofft auch, dass die Sozialarbeiterinnen besseren Zugang zu den Frauen finden, wenn diese von ihren Zuhältern nicht mehr beobachtet und jederzeit zurückgepfiffen werden können.

Der Strichplatz lohnt sich für die Frauen aber auch finanziell. „Er lässt sie profitabler arbeiten", sagt Herzig. Es komme am Sihlquai häufig vor, dass die Freier die Prostituierten nach dem Sex aus dem Auto spedieren und irgendwo stehen lassen würden.

„Die Zeit für den Rückweg können sie sich am neuen Ort sparen. Das Areal darf für den Sex nicht verlassen werden."

Freier befürchten Kameraüberwachung

Schwieriger einzuschätzen ist hingegen das Verhalten der Freier. „Wir können nicht mit Sicherheit sagen, wie die Männer auf das Angebot reagieren werden", sagt Herzig.

„Es besteht das Risiko, dass sie den Platz nicht nutzen." Momentan kursierten unter Freiern viele Gerüchte, etwa dass die Autonummern registriert würden oder dass die Anlage kameraüberwacht sei.

Das stimme natürlich alles nicht. „Solche Gerüchte können aber dazu führen, dass Männer fernbleiben."

Im schlimmsten Fall verlagert sich die Szene ins Niederdorf oder auf die Allmend, wo Strassenprostitution ebenfalls erlaubt ist. Die Stadt muss die Männer über die Rahmenbedingungen deshalb genau informieren.

Am einfachsten wäre dies mit einem Flyer, der am Sihlquai verteilt würde - doch Flyer bleiben im Auto liegen und sorgen zuhause für unangenehme Fragen und peinliche Situationen.

Strichplatz-Modell: Von den zehn Sexboxen (links) führt eine Fahrschlaufe zu vier Wohnwagen (rechts), dazwischen liegt das Basislager.

Strichplatz-Modell: Von den zehn Sexboxen (links) führt eine Fahrschlaufe zu vier Wohnwagen (rechts), dazwischen liegt das Basislager.

Gaffer haben keinen Zutritt

Man habe sich deshalb entschlossen, eine Website aufzuschalten. Mit Plakaten am Sihlquai werden die Männer in den kommenden Wochen darauf aufmerksam gemacht. Wichtigstes Element der Website sind neben einem Anfahrtsplan die Spielregeln.

Die Männer erfahren unter anderem, dass sie nur mit Auto willkommen sind. Velofahrer und Töfffahrer werden weggewiesen.

Zu den Spielregeln gehört auch, dass Herumspazieren nicht vorgesehen ist und dass an den Boxenwänden Notfallknöpfe installiert werden.

Drücken die Frauen auf den Knopf, geht an der Box ein Drehlicht an, das sofort die Sozialarbeiter und die anderen Frauen auf den Plan ruft. Die Polizei muss jedoch separat alarmiert werden.

Die Bedenken der Freier über mangelnde Diskretion teilt man bei der Stadt nicht. Angesichts der Zustände am Sihlquai müssten die Männer eigentlich froh sein über den Umzug, sagt Herzig weiter.

Heute sehen viele Passanten neugierig zu, sobald ein Auto anhält. Auf dem Strichplatz hingegen sind Gaffer verboten.

Wie eine Autowaschanlage

Auch Peter Pfister hofft, dass der Strichplatz die Lage der Frauen verbessert. Pfister ist Architekt und hatte die Aufgabe, mit möglichst wenig Geld das gesamte Areal zu gestalten.

Ein grosser Wurf sei der Strichplatz nicht geworden, sagte er auf Anfrage. Das sei aber auch nicht die Aufgabe gewesen.

„Es war wichtig, dass der Ort nicht zu schön und exklusiv wird." Die Benutzer dürfen sich nicht zu wohl fühlen, damit kein Strichplatz-Tourismus entsteht. Nicht zu schön und exklusiv heisst hier:

Sexboxen aus Holzbrettern, bedeckt mit Blachenstoff, alles leicht zu reinigen und auch im Winter benutzbar. „Eigentlich sieht das aus wie eine Autowaschanlage", sagt Pfister.

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