Die «Piste magique» auf dem Zürcher Sechseläutenplatz ist ein Renner: Die Leute stehen trotz Dauerregen Schlange, um in ausgeliehenen Sprinterschuhen mit Spikes 20 Meter auf einem Duplikat der Rennpiste des Letzigrund-Stadions rennen zu dürfen. Lenka und Lilly, zwei dreizehnjährige Mädchen, haben schon mehrmals mitgemacht.

Der Grund ist simpel: Sie wollen möglichst viele Eintrittskarten für die Leichtathletik-Europameisterschaft gewinnen, die heute in Zürich beginnt. «Einige haben wir schon», sagt Lenka lachend auf dem Weg zum Glücksrad.

Von der Magie des roten Bodenbelags habe sie allerdings nicht viel gemerkt. «Ich bin es gewohnt, so zu rennen», sagt sie. In ihrer Freizeit betreibe sie auch sonst viel Leichtathletik. Lenka hat Pech: Das Glücksrad bleibt diesmal bei einem der Trostpreise hängen. Ein Block und ein Kugelschreiber sind der Lohn für ihren Effort. Doch unverzagt melden sich die beiden Mädchen gleich für den nächsten Sprint auf dem Sechseläutenplatz an.

«Gestern, als noch die Sonne schien, war hier die Hölle los», sagt eine der freiwilligen EM-Helferinnen, die auf dem Sechsläutenplatz in violett-leuchtgelben Regenjacken herumstehen. «Auch viele ältere Leute stiegen in die Startblöcke.» Doch selbst das montägliche Regenwetter hielt viele Leichathletik-Fans nicht von einem Besuch auf dem Sechseläutenplatz ab. Neben dem Letzigrund-Stadion ist der Platz das Herz der EM, die von heute Dienstag bis Sonntag dauert.

Swissness in allen Formen

Rund um den Platz wird in Sponsoren-Pavillons Swissness in allen möglichen Formen verkauft: Schweizer Tourismusdestinationen wie Montreux, Locarno, Wengen und Luzern werben im hölzernen «House of Switzerland», das nach der Olympiade von Sotschi nun erstmals auf Schweizer Boden steht, mit einem Geräusche-Erkenn-Wettbewerb für sich. Ein bekannter Taschenmesser-Hersteller lockt mit persönlichen Gravuren, ein Käsehersteller mit Ballwurf-Wettbewerb. Wer bei den zahlreichen Wettbewerben die Hauptpreise verpasst, muss sich mit Trostpreisen wie Schokolade, Bleistiften oder einem Glas Sirup zufrieden geben.

Auffällig viele Familien mit Kindern sind an diesem Montagnachmittag auf dem Platz. Und Touristen: Man spricht Deutsch, Englisch und Schweizerdeutsch.
Klaus Moll ist aus Mühlheim an der Ruhr (D) angereist. Der 76-Jährige reist seit Jahren den Leichtathletik-Europa- und -Weltmeisterschaften nach. «Es ist interessant, die Spitzenkönner zu beobachten», findet er. «Natürlich kann man sich das auch alles im Fernsehen ansehen. Aber im Stadion erlebt man den Augenblick.» Er werde bis Sonntag jeden Tag im Letzigrund sein.

Das Sponsoren-Dorf auf dem Sechseläutenplatz erinnert ihn an die Leichtathletik-WM in Berlin. «Da gabs auch sowas», sagt Moll. Zum Teil seien die gleichen Sponsoren präsent gewesen. Besonders ins Auge gestochen ist ihm in Zürich die Miniausstellung eines Sportartikelherstellers mit historischen Sprinterschuhen, darunter auch ein Schuh von Armin Hary, der 1958 im Letzigrund erstmals die 100 Meter in 10,0 Sekunden lief. «Solche Schuhe hatte ich auch mal», sagt Moll und schlendert weiter.

Nicht nur auf dem Sechseläutenplatz ist die EM am Tag vor dem Startschuss sichtbar: Violette Banner prangen auch an den Geländern der Quaibrücke. Beim Bürkliplatz sind Tribünen aufgebaut. Am Samstag und Sonntag werden hier Europas beste Marathonläufer vorbeirennen. Und die Zürich-Vermarkter haben sich zur EM wieder einmal einen besonders geistreichen Werbespruch einfallen lassen: «Aaah!!!! Wooow!!!! Züri!» steht auf den violetten Bannern. Immerhin dürfte das in allen europäischen Sprachen verstanden werden.