Verkehr
Wie in den Ferien: Mit der Gondelbahn vom Zürcher Hauptbahnhof zu ETH und UNI?

Mit einem Postulat lancieren drei Kantonsräte die Idee einer Seilbahn vom Hauptbahnhof zum Hochschulquartier. Der Verkehrsexperte Ulrich Weidmann hält die Idee für attraktiv, sieht aber Schwachpunkte.

Katrin Oller
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Wie in der bolivianischen Hauptstadt La Paz könnten über der Zürcher Altstadt bald Gondeln verkehren: Diese Idee lancierten drei Kantonsräte in einem Postulat.

Wie in der bolivianischen Hauptstadt La Paz könnten über der Zürcher Altstadt bald Gondeln verkehren: Diese Idee lancierten drei Kantonsräte in einem Postulat.

AZ

Das Hochschulquartier in der Stadt Zürich soll in den nächsten Jahrzehnten verdichtet und ausgebaut werden. Die Nutzfläche von Universitätsspital und Hochschulen soll um 40 Prozent erhöht werden.

Eines der grossen Probleme des Masterplans ist die Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr. Denn die bestehenden Tramlinien lassen sich kaum mehr ausbauen.

Zurzeit wird der Richtplan in den Kommissionen des Kantonsrats beraten. Dort hat sich auch Jonas Erni (SP, Wädenswil) mit dem Thema befasst und gedacht: «Es muss etwas Innovatives, Neues her.»

Direkte Verbindung vom HB

Nun hat Erni mit Olivier Hofmann (FDP, Hausen am Albis) und Josef Widler (CVP, Zürich) ein Postulat eingereicht, das den Regierungsrat auffordert, die Erschliessung des Hochschulquartiers mit einer Seilbahn zu überprüfen.

Erni schwebt eine Bahn mit kleinen Gondeln vor, welche die Hochschulen mit dem Hauptbahnhof verbindet. Dafür sei nicht einmal der Bau eines Mastes nötig. Deswegen sei die Idee preiswert umzusetzen.

Der Betrieb benötige wenig Personal, während die Kabinen viele Passagiere aufnehmen könnten, da ständig ein- und ausgestiegen wird.

Erni hat sich an Beispielen in Südamerika orientiert, wo Seilbahnen als effiziente Nahverkehrsmittel eingesetzt werden: Im brasilianischen Rio de Janeiro etwa halten Gondeln seit 2011 an sechs Stationen. In La Paz, Bolivien, verkehren seit 2014 Seilbahnen auf drei Linien. Geplant sind deren neun.

In diesen Städten werden die Seilbahnen für den Personentransport und nicht primär als Touristenattraktion genutzt.

Das stellen sich Erni und die Mitunterzeichner auch für Zürich vor: «Obwohl die Bahn natürlich auch zur touristischen Attraktion werden darf.»

Während Bolivien auf ausländische Kabinen des österreichisch-schweizerischen Unternehmens Doppelmayr Garaventa setzt, verfüge die Schweiz bereits über bewährte Technik und Anbieter.

Zwischen Hauptbahnhof und Hochschulen stehen laut Erni nur wenige private Häuser und Wohnungen. «Wenn die Gondeln genügend hoch über den Dächern schweben, beeinträchtigen sie die Aussicht nicht.»

Dass sich das Stadtbild verändern würde, sieht Erni nicht als Hinderungsgrund: «Überall bestehen bereits heute Strommasten und Tramleitungen. Die nimmt man mit der Zeit nicht mehr wahr.»

VBZ-Netz entlasten

Der Zürcher ETH-Professor und Verkehrsexperte Ulrich Weidmann unterstützt Seilbahnen als städtische Verkehrsmittel grundsätzlich sehr: «Sie können attraktive Mobilitätslösungen schaffen, wo andere Verkehrsmittel ungeeignet sind», schreibt er auf Anfrage.

Als Beispiel nennt er die geplante Zoo-Seilbahn (siehe Kasten). Eine Seilbahn vom HB ins Hochschulgebiet sieht Weidmann als «attraktiv für die Nutzerinnen und Nutzen.

Sie würde das Netz der Zürcher Verkehrsbetriebe VBZ am kritischen Punkt entlasten.» Seilbahnen seien auch kostengünstig, verglichen mit Tram- oder Eisenbahnstrecken.

Allerdings gibt Weidmann zu bedenken, dass Seilbahnen schwer in gewachsene, historische Städte zu integrieren seien.

Wegen der Topografie und des Seildurchhanges müsste die Bergstation zudem sehr hoch und markant angelegt werden. «Das wäre kaum mehrheitsfähig.»

Rolltreppen und U-Bahn

Die Seilbahn ist nicht die erste Idee, um das Hochschulquartier besser zu erschliessen. Ende Januar präsentierte das städtische Tiefbauamt mehrere Visionen, darunter den «Polyflow», eine Rolltreppe, welche die Polybahn ersetzen würde.

Lifte und Rolltreppen kämen beim Central, dem Hirschengraben oder der Rämistrasse zum Einsatz.

Eine weitere Idee ist die «Porta Academia», ein unterirdischer S-Bahnhof auf der Durchmesserlinie direkt unter den Hochschulen.

Die Idee wurde von einer studentischen Arbeit an der ETH analysiert, die keine unüberwindbaren Hindernisse erkannte. Allerdings würden sich die Kosten im tiefen dreistelligen Millionenbereich bewegen.

Nicht nur den Anschluss der Hochschulen ans S-Bahn-Netz, sondern eine öV-Lösung für die gesamte Agglomeration fordern Thomas Wirth (Hombrechtikon) und zwei weiteren GLP-Kantonsräte in einem Postulat, das sie im Dezember einreichten.

Sie schlagen eine U-Bahn für die Stadt und die angrenzenden Gemeinden vor – eine Idee, die in den 1970er Jahren an der Urne gescheitert ist.

«Eine fantastische Chance»

Ulrich Weidmann würde sämtliche Ideen weiter vertiefen, weil sie unterschiedliche Nachfragersegmente ansprächen: Mit Rolltreppen und Liften könnte man die Zugänglichkeit im Nahbereich verbessern, ein U-Bahn-Netz würde das Hochschulgebiet besser mit den Aussenquartieren verbinden.

Eine unterirdische Haltestelle würde die Erreichbarkeit für Spitalbesucher, Angestellte und Studenten aus dem ganzen Kanton stärken.

Kurzfristig rechnet der Verkehrsexperte aber damit, dass die Verbesserung der Fuss- und Velowege sowie der Verkehrsinfrastruktur im Hochschulgebiet selbst im Vordergrund stehen wird.

Mittelfristig bestehe Potenzial zur besseren Einbindung in das VBZ-Netz – etwa durch eine Direktverbindung vom Bahnhof Stadelhofen ins Hochschulgebiet. Längerfristig hält Weidmann eine S-Bahn-Station für «eine fantastische Chance».

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