Gastronomie
«Viele Wirte genieren sich»: Solidaritätsaktion von Gastro Zürich läuft nur zögerlich an

Mit einer Aktion auf seiner Webseite ruft der kantonale Wirteverband die Bevölkerung dazu auf, Restaurants Geld zu spenden. Allerdings will dies nur ein Bruchteil der Beizer. Den Covid-Beauftragten des Verbands, Urs Pfäffli, überrascht dies nicht.

Michel Wenzler
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Bislang haben sich knapp 200 Betriebe für die Solidaritätsaktion eingetragen.

Bislang haben sich knapp 200 Betriebe für die Solidaritätsaktion eingetragen.

Keystone/ Ennio Leanza

Die Verzweiflung der Beizer ist gross. Wegen der zögerlichen finanziellen Hilfe der öffentlichen Hand und der Schliessung der Restaurants bis Ende Februar stehen viele Betriebe vor dem Aus. Der kantonale Wirteverband Gastro Zürich hat deshalb vor zehn Tagen eine Solidaritätsaktion lanciert: Er ruft die Bevölkerung dazu auf, ein Restaurant nach Wahl mit einem Geldbetrag zu unterstützen.

Alle Beizer, die Mitglied des Verbands sind, konnten sich auf der Website gastrozuerich.ch/solidaritaet auflisten lassen und ihre Bankdaten angeben. Restaurantgänger können sich so auf der Seite rasch einen Überblick verschaffen, ob sich ihre Lieblingsbeiz darunter befindet, und dieser Geld überweisen.

Die bisherige Bilanz ist durchzogen

Die Aktion kommt aber nur langsam ins Rollen, wie eine Umfrage dieser Zeitung bei ausgewählten Teilnehmern zeigt. «Durch die Spendenaktion haben wir leider gar keine Einnahmen generieren können, da viel zu viele Betriebe teilnehmen», sagt beispielsweise Tuba Özdemir, Geschäftsführerin des Restaurants Strauss in Winterthur. Mehr Erfolg habe man mit dem Verkauf von Gutscheinen an Stammgäste.

Auch Silvia Mohn, die im Zürcher Niederdorf das Hotel Hirschen samt Weinschenke führt, hat bisher mit der Aktion nichts eingenommen. Enttäuscht ist sie aber nicht. «Wir rechneten nicht damit, dass Hunderte von Franken her­einkommen.» Ohnehin gehe es eher darum, ein Zeichen zu setzen. «Wir machen mit, weil wir zeigen wollen, dass auch wir unter der derzeitigen Situation leiden.»

Nicht einmal jeder zehnte Beizer ist dabei

Bis jetzt haben sich knapp 200 Betriebe auf der Seite eingetragen, angesichts der 2500 Verbandsmitglieder im Kanton – davon 1100 in der Stadt Zürich – eine tiefe Zahl. Dies räumt auch Urs Pfäffli ein. Er ist Covid-Beauftragter des kantonalen Wirteverbands sowie Präsident von Gastro Zürich-City.

Pfäffli hat zwei Erklärungen. Einige Grossbetriebe wie die Bindella-Gruppe hätten verzichtet, weil sie den Kleinen den Vortritt lassen wollten. Auch von diesen bleiben aber viele der Aktion fern. Pfäffli hat in den vergangenen Tagen viele Gespräche geführt und weiss, warum. «Viele Wirte genieren sich, die Gäste um Hilfe zu bitten», sagt er.

Dies erstaunt ihn nicht. «Wir Schweizer haben diesbezüglich Hemmungen.» Manche würden sich Sorgen machen, wie es bei den Leuten ankomme, wenn sie nach Geld fragten. «Sie möchten nicht am Pranger stehen.» In der gegenwärtigen Lage hätten wohl aber die meisten Menschen Verständnis dafür, glaubt der Covid-Beauftragte. Schliesslich wisse jeder, wie es um das Gastronomiegewerbe stehe.

Urs Pfäffli hat vor kurzem sämtliche teilnehmenden Betriebe dazu befragt, wie die Aktion angelaufen ist. «Manche haben ziemlich viel Geld bekommen, einige gar nichts», sagt er. Die Bandbreite betrage 10 bis 1000 Franken. Mehr hat sich der Verbandsvertreter gar nicht erhofft. «Es ist nicht die Aufgabe der Bevölkerung, die Restaurants zu retten», sagt er. «Es wäre anmassend, dies zu erwarten.» Viel mehr gehe es um die moralische Unterstützung des Gastrogewerbes. «Die Wirte sehen, wer an sie denkt. Das führt zu einer noch stärkeren Bindung zu den Stammkunden.»

Auch den Wirtepräsidenten hat es getroffen

Wie wichtig der emotionale Beistand ist, weiss Pfäffli aus eigener Erfahrung: Der Gastronom musste Ende November seine Newsbar und das darüber liegende «Au Gratin» beim Zürcher Bahnhofplatz aufgeben. «Ich habe sehr viel moralischen Zuspruch erhalten, das hat mir gutgetan.»

Nicole Holenstein sieht dies ähnlich. «Auch wir haben viel Feedback von Gästen erhalten. Da spürt man, dass es sich zu kämpfen lohnt», sagt die Geschäftsführerin der Holenstein Gastro. Zu ihrem Unternehmen gehören 17 Betriebe, darunter das Seerestaurant Keywest in Oberrieden, das «Du Lac» in Wädenswil sowie in Zürich die Bierhalle Wolf, die Akt-Restaurants und diverse Pubs. Die Gruppe hat Ende Oktober all ihre Betriebe bis auf weiteres geschlossen.

Die Solidaritätsaktion von Gastro Zürich begrüsst Nicole Holenstein. «Es ist eine schöne Idee, dass die Leute Geld, das sie normalerweise beim Essen ausgeben würde, den Betrieben spenden können.» Die Holenstein Gastro hat dank der Aktion ein bisschen Geld eingenommen. Wie viel, möchte die Geschäftsführerin nicht sagen. «Es ist nicht viel und es rettet uns nicht. Aber auch wenn es nur ein Franken ist: Es ist es schön, zu sehen, dass jemand an uns denkt.»

Gastronomin will Gästen etwas zurückgeben

Nicole Holenstein sagt, ihr sei klar, dass viele Leute gar nichts spenden könnten. «Viele sind selbst in Kurzarbeit und haben es zurzeit ebenfalls schwierig.» Deshalb ist es ihr wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, die Gastronomen würden nun einfach die hohle Hand machen. «Wir wollen auch etwas zurückgeben.» Die Unternehmerin meint damit die Gastfreundschaft, auf die nun viele Menschen schmerzlich verzichten müssen, bis die Restaurants wieder aufgehen.

Die Holenstein Gastro arbeitet derzeit an ihrem Comeback. Wie andere Restaurants – etwa jene, die auf Take-away um­gestellt haben, um sich über Wasser zu halten – versucht das Unternehmen ebenfalls, auf unterschiedlichen Wegen zu Geld zu kommen. Zum Beispiel hat die Firma die «Holensteine» lanciert. Sie sind vergleichbar mit Casino-Chips, die man jetzt kaufen und mit denen man später in allen Betrieben der Gruppe bezahlen kann. «Der Verkauf läuft zurzeit sehr gut», sagt Nicole Holenstein.