Tierschutz

Umstrittenes Thema: Tiere auf dem Hof töten wird legal

Ein geschlossener Kreislauf: Jedes Tier, das beim Biobauern Nils Müller zur Welt kommt, stirbt auch bei ihm.

Ein geschlossener Kreislauf: Jedes Tier, das beim Biobauern Nils Müller zur Welt kommt, stirbt auch bei ihm.

Ein Rind auf der Weide zu töten, ist umstritten. Der Küsnachter Biobauer Nils Müller ist Pionier auf diesem Gebiet. Im Sommer soll eine Verordnung in Kraft treten, die das Schlachten auf dem Hof erleichtert.

Einmal im Monat lässt der Küsnachter Biobauer Nils Müller eine Gruppe Rinder auf eine Koppel. Ein Amtstierarzt schaut sich die Tiere an, ob sie gesund sind. Dann steigt Müller auf einen Hochstand neben der Koppel. Während die Tiere in der kleinen Herde arglos grasen, nimmt er sein Kleinkalibergewehr zur Hand. Der Biobauer hat den Jagdschein gemacht und weiss, was er tut. Er legt an, sucht sich ein Tier aus und betäubt es mit einem gezielten Schuss. Ein Metzger ist jeweils auch vor Ort. Er übernimmt die nächsten Aufgaben: das Ausblutenlassen des Tieres und die hygienische Verarbeitung. Der Amtstierarzt übernimmt die Fleischbeschau.

Als Müller vor fünf Jahren das erste Mal eines seiner Tiere auf der Weide tötete, musste er es mit einer Teilbewilligung des kantonalen Veterinäramts tun, denn: Diese Art der Schlachtung war in der Schweiz verboten – und ist es bis heute. Müller machte mit einer Spezialbewilligung weiter und hat seit 2018 die Erlaubnis des Veterinäramts, zehn Jahre lang auf seinem Hof zu schlachten.

«Die Rinder sind bei ihrer Herde und ahnen nichts»

Doch künftig wird es für Landwirte einfacher sein, eine solche Erlaubnis zu erhalten. Gegenüber Radio SRF erklärte am Mittwoch ein Mitarbeiter des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), dass das Amt einen Vorschlag ausarbeite, der die Hof- und Weidetötung ermögliche. Die entsprechende Verordnung wird voraussichtlich im Mai oder Juni in Kraft treten.

Für Müller sind das gute Nachrichten. Er setzt sich noch immer für die Weidetötung ein, weil er sicher ist, dass sie weniger Stress für die Tiere bedeutet. «Bei uns gibt es keine Transporte zum Schlachthof. Die Tiere sind bis zuletzt bei ihrer Herde, grasen und ahnen nichts», sagt er. Es falle ihm nicht leicht, eines seiner Rinder zu töten. «Ich bin bei ihrer Geburt dabei und ziehe sie auf», sagt er. Am Ende übernehme er die Verantwortung, sie schonend zu töten. Müller spricht von einem geschlossenen Kreislauf auf seinem Hof. Jedes Tier, das bei ihm zur Welt kommt, stirbt auch dort. Das Fleisch wird im Hofladen verkauft oder im kleinen Restaurant aufgetischt.

Im Grunde geht es dem ehemaligen Vegetarier Müller darum, das Nutztier und dessen Fleisch mehr zu schätzen. Man solle etwa seltener und besseres Fleisch essen: «Wir heben uns von der Massenproduktion ab und setzen auf Qualität.»

Der Küsnachter Landwirt wird von Eric Meili vom unabhängigen Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) beraten. Der Agronom leitet das Projekt «Hof- und Weideschlachtung», das von der Vontobel-Stiftung finanziell unterstützt wird. «Mit der Weideschlachtung gibt es keine Tiertransporte», erklärt Meili. Das Fibl habe in einer Studie den Stress nachweisen können, dem Tiere beim Transport ausgesetzt seien. Sein Vorwurf: «Durch den Tiertransport werden Tiere im Stress geschlachtet.» Das kann die Fleischqualität verschlechtern.

«Der letzte Tag im Leben der Tiere ist unschön»

Den Stress erwähnt auch Nationalrätin Martina Munz (SP, SH). Sie hat mit einem Vorstoss im Parlament dazu beigetragen, dass die Verordnung zustande kommt. «Der letzte Tag im Leben der Tiere ist unschön, auch bei Bio-Tieren», sagt sie. Die Hofschlachtung könne für das Tierwohl eine sehr gute Sache sein, wenn die Landwirte dafür ausgebildet seien und die Hygienevorschriften eingehalten würden.

An diesem Punkt haken die Kritiker ein. Philipp Sax, stellvertretender Direktor des Schweizer Fleisch-Fachverbands, sagt: «Wir sind nicht gegen die Betäubung der Tiere auf dem Hof, solange die Verarbeitung an einem Ort stattfindet, der den Vorschriften entspricht.» Das heisst: Es soll wie ein konventionelles Schlachthaus ausgestattet sein, um das Blut aufzufangen, die Hände und Messer zu waschen und desinfizieren zu können. Sax fügt an, dass nach einem bis zu sechs Stunden langen Transport sich die Tiere ausruhen können, bevor sie ins Schlachthaus kommen. Beim Schweizer Tierschutz (STS) sieht man die neue Verordnung mit gemischten Gefühlen. Er begrüsst zwar, dass mit der Weideschlachtung der Transport entfällt und die Tiere in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. «Aber der Schuss auf der Weide ist nicht das Beste», sagt Cesare Sciarra, der Leiter Kompetenzzentrum Nutztiere beim STS. Es könne zu viel dabei misslingen. Der STS empfiehlt die Hofschlachtung mit einem Bolzengerät, wobei das Tier an einem Ort fixiert wird.

Für beide Methoden müssen Landwirte auch mit der neuen Verordnung Auflagen erfüllen und eine Bewilligung beim kantonalen Veterinäramt einholen.

Für Nils Müller, der die Debatte angestossen hat, findet Sciarra vom STS nur lobende Worte: «Bei ihm stimmt alles.»

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