Zürich
Transfrau stürzt aus Fenster – Kollegen eilen nicht zur Hilfe, sondern flüchten in die Innenstadt

Im Sommer 2019 ist eine Transfrau aus einem Fenster gestürzt. Nun ging es vor dem Bezirksgericht Zürich um unterlassene Nothilfe.

Anna Six
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Eine Transfrau stürzte im Sommer letzten Jahres im Langstrassenquartier aus dem zweiten Stock.

Eine Transfrau stürzte im Sommer letzten Jahres im Langstrassenquartier aus dem zweiten Stock.

Keystone

Vieles war ungewöhnlich in dem Fall, der kürzlich am Bezirksgericht Zürich verhandelt wurde. Es fehlten gleich alle drei Beschuldigten sowie einer der Verteidiger. Trotzdem fand der Gerichtstermin statt – weil er sonst zum dritten Mal hätte verschoben werden müssen. Zwei der in der Anklageschrift erwähnten Männer sind gar keine Männer, sondern transsexuelle Frauen. Und schliesslich ging es nicht nur um den eingeklagten Straftatbestand der unterlassenen Nothilfe, sondern mindestens so sehr um jenen der versuchten Tötung.

Doch der Reihe nach. Ein Samstagabend im Juni 2019 im Zürcher Langstrassenquartier. In einer Wohnung im zweiten Stock feiern drei Leute mit der Bewohnerin, einer 39-jährigen Brasilianerin. Sie trinken Alkohol, nehmen Kokain, sind ausgelassen über Stunden. Doch kurz vor Mitternacht schlägt die Stimmung um. Eine der Kolleginnen, eine Transfrau, stürzt durchs Fenster 9,5 Meter in die Tiefe – «aus dem Nichts», wie es vor Gericht hiess. Blutend und mit Beinbrüchen bleibt sie in der Garageneinfahrt liegen.

Was dann geschah oder nicht geschah, ist Gegenstand der Anklage: Die zwei Frauen und der Mann in der Wohnung hätten sich schuldig gemacht, weil sie ihrer lebensbedrohlich verletzten Kollegin weder zu Hilfe eilten noch den Rettungsdienst alarmierten. Stattdessen flüchteten sie in die Innenstadt. Die Staatsanwältin fordert wegen Unterlassung der Nothilfe je eine bedingte Freiheitsstrafe von neun Monaten sowie eine Busse von 500 Franken.

«Ihre seelischen Wunden wiegen schwer»

Darüber hinaus führte der Anwalt der Geschädigten vor Gericht aus, warum die Frau eine Genugtuung von 5000 Franken verlangt: «Ihre seelischen Wunden wiegen schwer.» Sie habe die drei zu ihren Freunden gezählt, sei von diesen aber allein gelassen worden in höchster Not. Der daraus resultierende psychische Stress werde sie ein Leben lang verfolgen.

Ganz anders klang es von der Gegenseite. Stein des Anstosses sind die 76 Tage, die alle Beschuldigten nach dem Vorfall in Untersuchungshaft verbringen mussten. Als «Schikane» bezeichnete dies der Anwalt der Brasilianerin, die als einzige der drei in der Schweiz lebt, aber aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Verhandlung erschien. Er sprach von einer krassen Fehlleistung der Staatsanwältin. Diese habe sich in der Schuldfrage viel zu früh festgelegt.

«Sie war die Attraktion im Gefängnis»

Direkt nach dem Fenstersturz hatte die Staatsanwältin nämlich eine Untersuchung wegen versuchter Tötung aufgenommen. Dies war auch der Grund für die lange Haft. Darunter hätten beide Frauen, die 39-jährige Brasilianerin und eine damals 47-jährige brasilianisch-italienische Doppelbürgerin, enorm gelitten. Die 47-Jährige nicht zuletzt deshalb, weil sie ebenfalls transsexuell ist und damit «die Attraktion im Gefängnis» gewesen sei, wie ihre Verteidigerin trocken anmerkte.

Die Aussagen der Geschädigten, wonach die anderen sie aus dem Fenster gestossen hätten, erwiesen sich im Lauf der Untersuchung als haltlos. Das Verfahren wegen versuchter Tötung wurde eingestellt. Das veranlasst die Verteidigung zu folgender These: Mit der Anklage auf unterlassene Nothilfe wolle die Staatsanwältin die überlange Haft rechtfertigen und verhindern, dass die drei Beschuldigten vom Staat entschädigt werden müssten.

Fast 20'000 Franken Entschädigung gefordert

Genau dies fordert jedoch die Verteidigung. 200 Franken pro Tag in U-Haft sind als ­Genugtuung üblich, im Fall der Transsexuellen sollen es ­sogar 250 Franken sein. Das ­ergibt Summen von 16'000 ­respektive 19'000 Franken. Was die unterlassene Nothilfe betrifft, seien die beiden freizusprechen. Einerseits hätten Passanten sofort die Sanität alarmiert. Anderseits seien die Frauen nach dem Sturz unter Schock gestanden und zudem vom Alkohol und den Drogen berauscht gewesen, sodass sie gar nicht Hilfe hätten leisten können.

Das Urteil steht im Januar an, wenn der dritte Verteidiger – er vertritt einen heute 34-­jährigen Brasilianer – sein Plädoyer nachgeholt hat. Das letzte Wort wird aber auch dann nicht gesprochen sein: Zum eingestellten Verfahren wegen Tötung gibt es ein ­Gegenverfahren wegen falscher Anschuldigung. Dieses ist ­zurzeit sistiert; dagegen ist ­wiederum eine Beschwerde hängig. Wie gesagt: Vieles ist ungewöhnlich in diesem Fall.