Prozess

Teure 0900er-Nummern: Mann knöpft Anrufern rund 200'000 Franken ab

Telefonieren für 1.99 Franken pro Minute: Konsumenten wähnten sich auf echten Servicenummern.

Telefonieren für 1.99 Franken pro Minute: Konsumenten wähnten sich auf echten Servicenummern.

Ein Mann soll mit unechten Servicenummern von Elektronikanbietern wie Apple und Samsung gut 200'000 Franken ertrogen haben. Der mutmassliche Täter ist bereits einschlägig vorbestraft.

Gwendolyn Gwerder und ihr Smartphone sind eins. Man sieht die junge Frau praktisch nie ohne. Geht der Akku zur Neige, ist die Krise garantiert. Ein regelrechter Notstand brach aus, als sich der Akku nicht mehr vernünftig aufladen liess. Gwerder suchte Support über Internet. Auf einer Seite, die rund um die Uhr Hilfe versprach, wurde sie fündig. Die Frau stellte eine 0900er-Nummer ein, und es wurde ihr tatsächlich geholfen. Die böse Überraschung folgte mit der Telefonrechnung. Das Gespräch mit dem Support-Dienst kostete sie knapp 120 Franken – 1.99 Franken pro Minute.

Gwendolyn Gwerder ist eine fiktive Smartphone-Besitzerin. Solche und ähnliche Szenen spielten sich zwischen September 2015 und August 2016 in der Realität aber zuhauf ab. Die Kunden krochen einem Trickser auf den Leim. Laut Anklageschrift der Zürcher Staatsanwaltschaft hat der Beschuldigte im erwähnten Zeitraum diverse Internet-Domains betrieben. Die Namen der Websites enthielten Wörter wie «Support» oder «Applications». Teilweise zusammen mit Markenbezeichnungen wie Apple, Samsung oder Google.

Einmal auf der Website, wurde den Kunden eine 0900er-Nummer präsentiert. Was diese nicht wussten: Weder die Websites noch die 0900er-Nummern gehörten tatsächlich einer der gesuchten Firmen, sondern – so zumindest sieht es die Staatsanwaltschaft – einem Betrüger.

Nummer verschleiert

Dieser nahm die Anrufe teilweise entgegen und verwickelte die Leute in längere Gespräche. In anderen Fällen leitete er die Anrufenden auch an die echten Servicenummern – häufig sind diese gratis oder kosten ein paar Rappen pro Minute – weiter. Im Hintergrund kassierte er freilich die ganze Zeit 1.99 Franken pro Minute. Um seine eigene Nummer zu verschleiern, leitete er die Gespräche mitunter über mehrere Stationen. Rund 220'000 Franken kamen innerhalb eines knappen Jahres so zusammen.

Der Tarif von 1.99 Franken pro Minute scheint mit Bedacht gewählt. Ab einem Minutenpreis von 2 Franken muss der Preis nämlich klar und kostenlos angekündigt werden, sobald die Verbindung hergestellt wird. Kostet eine Minute dagegen 1.99 Franken, darf man die Konsumenten im Dunkeln lassen.

Die dreiste Trickserei hat für den Anbieter nun möglicherweise rechtliche Konsequenzen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann aus dem Kanton Zürich nämlich gewerbsmässigen Betrug vor. Sie fordert eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren und eine Geldstrafe von 9000 Franken; beides unbedingt. Die Verhandlung vor dem Bezirksgericht Zürich findet in der zweiten Januarhälfte statt.

Die unbedingte Strafe kommt nicht von ungefähr. Der Beschuldigte ist nämlich ein alter Bekannter. Im April 2009 verurteilte ihn das Zürcher Bezirksgericht schon einmal wegen gewerbsmässigen Betrugs. Damals kassierte er mit einer Internet-Firma Geld für Swiss-Flüge, lieferte allerdings nur einen Teil der Tickets. Das Bezirksgericht verhängte eine bedingte Freiheitsstrafe von 16 Monaten. Das Zürcher Obergericht hat das Urteil im Wesentlichen bestätigt. Dieser Entscheid ist rechtskräftig.

Die neue Masche macht einen etwas ausgeklügelteren Eindruck als der frühere Beschiss mit den Flugtickets. Und: Es mutet wie eine Reminiszenz an die betrügerischen Anfänge an, dass der Beschuldigte weiter Websites betrieb, die den Namen Swiss enthielten. Den Kunden soll er vorgegaukelt haben, dass sie direkt über seine 0900er-Nummer Flugtickets buchen können oder andere Dienstleistungen der Swiss in Anspruch nehmen könnten. Analog zum Vorgehen bei den Elektronik-Marken wurden Gespräche tatsächlich auf echte Hotlines der Airline weitergeleitet. Im Hintergrund kassierte der findige Betreiber – man ahnt es – 1.99 Franken pro Minute.

Zwar ist der Beschuldigte bereits einschlägig vorbestraft. Mit dem Tatbestand des Betrugs ist es aber so eine Sache. Dem mutmasslichen Betrüger muss nach Schweizer Recht nämlich Arglist nachgewiesen werden. Als Alternative zum gewerbsmässigen Betrug wirft die Staatsanwaltschaft dem Beschuldigten vor, er habe Markenrechte von Apple, Samsung und Microsoft verletzt, oder aber er habe vorsätzlich unlauter gehandelt. Für den Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

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