Zürich

Standfest mit Schuhgrösse 49: So will sich der neue Direktor des Zoos Zürich etablieren

Im Bild: Severin Dressen, neuer Zoodirektor des Zoos Zürich.

Im Bild: Severin Dressen, neuer Zoodirektor des Zoos Zürich.

Er ist 32, Deutscher und ab 1. Juli neuer Direktor des Zoos Zürich. Severin Dressen will den Weg seines Vorgängers weitergehen. , Ein grosser Schritt für Severin Dressen und tritt soll er den zoo zürich in die Zukunf führen

Sie sind seit 1. April im Zoo Zürich. Mitten in der Pandemie, ohne Besucher. Wie war dieser Start?

Severin Dressen: Ziemlich surreal. Für einen Zoo ist das angsteinflössend. Man fragte sich: Wie lange dauert das? Halten wir das wirtschaftlich durch? Es hat mich sehr berührt, dass es dem Betrieb trotzdem gelungen ist, mich offen willkommen zu heissen.

Konnten Sie die Abläufe überhaupt kennen lernen?

Ausser den Tierpflegern waren alle in Kurzarbeit. Das Kennenlernen über Zoom war schon nicht das Wahre. Aber ich konnte mir die Tierpflege intensiv anschauen und einmal auf jeder Anlage stehen.

Sind Sie spezialisiert auf eine Tierart?

Nein, ich habe kein Fachgebiet. Für mich stand das Ziel Zoodirektor schon als Dreizehnjähriger fest. Dafür muss man ein Allrounder sein.

Haben Sie einen emotionalen Bezug zu einem Tier?

Ich habe kein Lieblingstier. Ich finde jedes Tier faszinierend und habe ein Herz für Aussenseiter. Etwa die Madagskar-Perlwachteln im Masoala-Regenwald, die den Besuchern kaum auffallen, oder der Nacktmull in der Lewa-Savanne. Dass ein Tier, das hässlich ist, aber eine spannende Biologie hat, dort einen Platz bekam, hat mir gut gefallen.

«Beim Menschenaffenhaus muss etwas getan werden.»

Nein. Mich hat beeindruckt, wie viel Qualität auch unter der Oberfläche steckt. Etwa die Nachhaltigkeit. Da hat der Zoo Zürich in den letzten Jahren viel gemacht. Energetisch, aber auch in der Gastronomie. Fisch kommt nur aus der Schweiz, Schalentiere stehen nicht auf der Karte. Tatsächlich gibt es nichts, was ich ab dem 1. Juli sofort ändern wollte – ausser beim Menschenaffenhaus. Da muss etwas getan werden. Zwar nicht aus der tierhalterischen Perspektive, aber im Empfinden der Besucher hinkt es hinter den anderen Anlagen hinterher.

Neue Anlagen für Gorillas und Orang-Utans sowie eine Voliere im Pantanal stehen als nächste Bauprojekte an. Sie wurden noch von Alex Rübel geplant. Wo wollen Sie Akzente setzen?

Bei den drei Grossprojekten kann ich Ideen einbringen. Aber diese Projekte werden nicht reichen, um meine nächsten 30 Jahre zu füllen. Ich habe viele Ideen im Hinterkopf, die aber noch zu unausgegoren sind, um erwähnt zu werden. Die präsentieren wir nächstes Jahr mit dem Entwicklungsplan 2050. Daneben gibt es andere Herausforderungen, etwa den Bildungsauftrag. Wie erreichen wir die Gesellschaft in ihrer Breite noch besser?

Ein Zoobesuch, der Richtung Ausstellung geht?

Wenn man im Masoala-Regenwald steht, ist es ideal, auf einer App die Informationen in der eigenen Sprache abzurufen. Aber man muss darauf achten, dass der Gast nicht nur auf sein Handy schaut, sondern von der Umgebung, den Tieren begeistert ist. Auch die Möglichkeiten von Augmented Reality muss man prüfen. Aber das ersetzt das Erlebnis nicht. Wir wollen nicht, dass man den Zoo nur noch über den Bildschirm konsumiert.

Wo sind digitale Hilfsmittel auch noch einsetzbar?

Um Arbeitsabläufe effizienter zu machen. Die naturnahe Haltung bietet zudem neue Möglichkeiten für die Forschung. Dafür braucht es Technologie wie Kameras oder Sender. Sonst lässt sich etwa der Mausmaki im Masoala-Regenwald schwer beobachten. Damit kann man künftig viel mehr Daten generieren. Im Pantanal werden wir Papageien halten und wollen die Gruppendynamiken in grossen Schwärmen verstehen.

Wie wurden Sie bisher aufgenommen als junger Deutscher hier in der Schweiz?

Durchwegs gut. Ich habe in der kurzen Zeit hier mehr Nachbarn kennen gelernt als in den vier Jahren zuvor in Wuppertal. Auch im Betrieb, wo viele Nationen zusammenarbeiten. Wie ich von der Gesellschaft wahrgenommen werde, wird sich noch zeigen. Aber ich mache mir keine Sorgen. Ich bin immer gut damit gefahren, offen zu sein und zu wissen, dass sich nicht die Leute nach mir, sondern ich mich nach ihnen richten muss.

Sie sind erst 32 Jahre alt. Ein Vor- oder Nachteil?

Der grösste Vorteil ist die Konstanz. Wenn ich hier 33 Jahre wirken kann, ist das ein Zeitraum, in dem man grosse Projekte anstossen und zu Ende führen kann. Ich bin es gewohnt, der Jüngste zu sein. Ich führe Leute, seit ich 18 Jahre alt bin, die waren immer älter als ich.

Was bedeutet Ihre neue Stelle für Sie?

Zoodirektor in Zürich zu werden, ist wie ein Sechser im Lotto – ein Riesengeschenk. Die Philosophie von Alex Rübel ist deckungsgleich mit meiner. Natürlich gibt es unterschiedliche Akzente. Wir sind auch menschlich anders. Ich bin kein Alex Rübel 2.0. Aber unsere Zoo-Philosophie ist die gleiche. Das ist wichtig. Wenn es jetzt einen Bruch geben würde, schadete das der Glaubwürdigkeit.

Wie stark merken Sie, dass Sie an Alex Rübel gemessen werden?

Das ist allgegenwärtig, aber für mich kein Problem. Ich nehme mich selber nicht so wichtig. Es geht darum, den Zoo weiterzuentwickeln. Mir geht es um das Inhaltliche.

Was Ihnen ja als Aussenseiter weniger zugetraut wird, ist die Fundraising-Fähigkeiten von Alex Rübel als Urzürcher. Networken Sie gern?

Man sollte nicht Direktor werden, nur weil man Tiere liebt. Man muss auch Menschen lieben. Menschen interessieren mich. Als Externer und «Dütscher» ist das Fundraising aber natürlich nicht ohne. Mir hilft die Struktur von Verwaltungsrat, Stiftungsrat mit Ambassadoren, Tiergartengesellschaft und Zoofäscht, die dafür da sind. Das verteilt die Last auf mehreren Schultern. Ob es mir gelingt, da anzuknüpfen, wird man in fünf Jahren sehen.

Was sagen Sie denjenigen, die finden, Tiere sollte man grundsätzlich nicht einsperren?

Es gibt diejenigen, die seit 30 Jahren nicht mehr im Zoo waren. Wenn man die dann einlädt, sind sie meist begeistert. Dann gibt es die Organisationen, die Zoos als Modell kritisch sehen. Das finde ich schade, weil wir im Grund dasselbe Ziel haben. Es geht ihnen wie uns darum, die Natur zu schützen und die Menschen zu sensibilisieren. Bei den Grabenkämpfen geht viel Energie verloren. Das ist schade, weil die Probleme wie Umweltzerstörung und Biodiversitätsverlust drängend sind. Zoos sind wichtiger denn je. Wenn es den modernen Zoo nicht geben würde, müsste man ihn sofort erfinden. Diese Kombination aus Naturschutz, Artenschutz, Forschung und dass wir das alles vor Gästen tun, das gibt es sonst nirgends.

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