Auslandschweizer

SP-Nationalrat Guldimann: «Ja, ich bin weit weg vom Büezer»

«In der Politik geht es nicht darum, recht zu haben, sondern darum,recht zu bekommen»: Ex-Botschafter Tim Guldimann. KEY

«In der Politik geht es nicht darum, recht zu haben, sondern darum,recht zu bekommen»: Ex-Botschafter Tim Guldimann. KEY

Der Ex-Botschafter Tim Guldimann (SP) will im Nationalrat die Auslandschweizer vertreten. Die Debatte über seinen Wohnort Berlin hält er für müssig.

Gratulation zu Ihrer Wahl, Sie haben in der Zürcher SP das viertbeste Resultat erzielt. Hat Sie das überrascht?

Tim Guldimann: Ja, damit habe ich nicht gerechnet. Insgeheim hatte ich mir gesagt, dass ich zu je einem Drittel Wahrscheinlichkeit rausfliege, erster Ersatz werde oder es direkt schaffe. Mein gutes Resultat, Daniel Jositschs Einzug in den Ständerat und der zweifache Sitzgewinn der Zürcher SP sind ein toller Erfolg.

Sie sind der erste Politiker, der es als Auslandschweizer ins Parlament schafft. Wie wird das Ihre Politik prägen?

Ich glaube, die «fünfte Schweiz» trägt viel mehr zum Erfolg unseres Landes bei, als anerkannt wird. Ich denke da an die Vertreter von Schweizer Firmen, die Kulturschaffenden oder auch die Privatpersonen, die sich für unsere Interessen einsetzen. 750 000 Schweizerinnen und Schweizer leben im Ausland und bekommen alle vier Jahre eine gewisse Aufmerksamkeit, wenn es darum geht, ihre Stimmen einzusammeln. Aber ohne dass die Politik bereit wäre, viel für sie zu tun.

Sehen Sie sich also als Vertreter der Auslandschweizer?

Ich behaupte nicht, alle Auslandschweizer zu vertreten. Aber als einer der Auslandschweizer kann ich den Blick von aussen in die Innenpolitik bringen. Und ich kenne ihre Anliegen und möchte sie vertreten. Gleichzeitig vertrete ich auch die SP und den Kanton Zürich, der mich gewählt hat.

Welches ist, für Sie als Diplomat, das dringendste Anliegen?

Das ist die Europafrage: Wie kommen wir aus der Sackgasse heraus, in die uns die SVP mit der Masseneinwanderungsinitiative geführt hat? Das bedeutet nicht, dass 50,3 Prozent der Abstimmenden vom vorletzten Februar Rechtspopulisten sind, sondern das bedeutet, dass die Regierung die Betroffenheit über eine massive Einwanderung über Jahre nicht ernst genommen hat – und auch seither fast nichts gemacht hat, um in der Zuwanderungsfrage das Vertrauen wieder herzustellen. Ich glaube aber nicht, dass wir die Zuwanderung massiv reduzieren können, es sei denn zum hohen Preis der wirtschaftlichen Abschottung. Diese hätte viel schwerwiegendere Konsequenzen, als viele Leute sich vorgestellt haben.

Was können Sie dank Ihren Kenntnissen aus der internationalen Politik in Bern bewegen?

Ich habe nicht die Illusion, dass man einfach auf meine Ideen wartet oder dass ich meine Überzeugungen leicht durchsetzen könnte. In der Politik geht es nicht darum, recht zu haben, sondern darum, recht zu bekommen. Und dafür muss man zuhören, überzeugen und Kompromisse schliessen. Das erfordert die Diskussion nicht nur in der Fraktion, sondern auch mit anderen Parteien. Das heisst auch, in der Diskussion von der SVP einzufordern, dass sie die Verantwortung für die Folgen ihrer Politik übernimmt.

Sie verbrachten Ihr Leben in Russland, Lateinamerika und Schweden und gelten als Star-Diplomat. Können Sie den «kleinen Mann» vertreten?

Ich bin weit weg vom «Büezer», das stimmt. Aber da bin ich in Bern in guter Gesellschaft. Die Politik muss nicht so tun, als ob sie immer nah beim Büezer wäre. Ich kann nur sagen, dass ich versuche hinzuhören und zu verstehen, was die Menschen betrifft. Aber ich sage nicht Dinge, bloss um den Leuten zu gefallen.

Mit Roger Köppel und Magdalena Martullo Blocher sind zwei weitere Promi-Quereinsteiger gewählt. Ist die Zeit der politischen Ochsentour vorbei?

Ich bin seit 33 Jahren SP-Mitglied und habe mich, als ich in Bern lebte, während zehn Jahren intensiv für die Partei engagiert, und war auch seither im regelmässigen Kontakt mit ihr. Ich bin also nicht «von oben reingekommen». Es stimmt, ich habe eine andere Karriere gemacht als die normale politische. Aber es schadet ja nichts, wenn man andere Erfahrungen mitbringt. Das Urteil «hat ausser Politik nix gelernt» trifft für mich nicht zu.

Sie werden weiterhin in Berlin leben und rund 20-mal im Jahr nach Bern reisen. Das kommt in punkto Ökologie nicht bei allen gut an. Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?

Für mich ist das eine Grundsatzfrage. Wenn Auslandschweizer sich an der Politik bei uns beteiligen sollen, müssen sie reisen. Mit Flugzeug oder Bahn, nicht mit dem Velo. Das ist ökologisch nicht ganz koscher, aber der Kompromiss ist nötig. Ich glaube, dass in dieser Debatte etwas anderes mitschwingt. Dass nämlich so implizit kritisiert wird, dass Schweizer, die im Ausland leben und hier keine Steuern bezahlen, sich in unsere Politik einmischen wollen. Da sage ich: Wenn ihr deshalb findet, Auslandschweizer sollen sich nicht beteiligen, dann machen wir doch den Umkehrschluss. Dann sollen Ausländer, die in der Schweiz leben und hier Steuern zahlen, sich an der Politik beteiligen dürfen. Das wäre ehrlich. Das andere halte ich für eine Scheinkritik.        Interview: Jigme Garne

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