Meilen
«Save a Cow»: Spendable Tierfreunde sollen Kühe vor Schlachthof retten

Der aktuell tiefe Milchpreis macht den Bauern zu schaffen – auch dem Meilemer Adrian Haggenmacher. Er müsste einige unrentable Kühe schlachten, damit die Rechnung wieder stimmt.

Andrea Baumann
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Das mittelfristige Ziel von Adrian Haggenmacher ist eine eigene Molkerei.

Das mittelfristige Ziel von Adrian Haggenmacher ist eine eigene Molkerei.

Andre Springer

Die liebste Kuh sei sie, «absolut umgänglich». Die fast siebenjährige Contessa, Exemplar der Rasse Brown Suisse, ist es, die Adrian Haggenmacher vom Hof Hinterburg ob Meilen ins Schwärmen bringt. Und, fügt er an: Nie krank sei das Tier. Doch unverzüglich folgt das Aber. Haggenmachers Stimme bekommt einen nachdenklicheren Klang, als er sagt: «Aber ihre Fruchtbarkeit ist ein Problem.»

Zwei, drei, ja, wie beim letzten Mal bis zu sechs Versuche brauche es, bis das Tier nach einer Besamung endlich trage. «Das kostet jedes Mal Geld und Zeit», sagt Adrian Haggenmacher. Denn die reduzierte Fruchtbarkeit führt zu weniger Milch. Nur rund 7000 Liter Milch liefert Contessa jährlich und damit gut 1000 Liter weniger als der Durchschnitt seiner Herde.

Die Zahlenstaplerei stellt für Haggenmacher ein ungutes Dilemma dar. In der einen Waagschale das Tier, an dem er hängt. In der anderen der Milchpreis, den ihm der Milchverarbeiter Emmi zahlt: 53 Rappen pro Liter. Ein Preis, der die Waagschale mit der Kuh als emotionales Bezugswesen nach unten fallen lässt. Mindestens 20 Rappen mehr müsste in der anderen Schale liegen, dass in etwa wieder eine Balance herrschen würde zwischen Aufwand und Ertrag – unter Berücksichtigung, dass nicht jede Kuh der Normleistung entspricht.

35 Kühe geben zu wenig Milch

Fährt der Landwirt mit seinen Händen über das hellbraune Fell von Contessa oder einer seiner anderen 74 Kühe, scheinen die Zahlen weit weg zu sein. Und doch hat sich Haggenmacher eines Tages hingesetzt und eine Liste erstellt: Die 35 Kühe, die er darauf aufführt, haben eine ungenügende Milchleistung. Sie müssten den Hof verlassen, denn die Rechnung des Meilemers kann künftig nur mit einer verkleinerten Herde aufgehen.

Grosszügiger Laufstall

Das liegt nicht nur am Milchpreis allein, sondern auch daran, wie der 33-Jährige seine Kühe hält: In dem grosszügigen Laufstall mit Fütterungs- und Melkroboter können die Tiere schlafen, fressen, sich bewegen oder gemolken werden, wann immer ihnen der Sinn danach steht. Der Hightechstall generiert Fixkosten; diese, wie auch die Löhne seiner zwei Angestellten, liessen sich nicht einsparen, erklärt der Bauer.

Den Hof verlassen: Das Verdikt, das seine 35 Kühe von der Liste trifft, hiesse nichts anderes, als geschlachtet zu werden. Dass ihr Schicksal vorerst im Konjunktiv genannt werden kann, macht Haggenmachers Liebe zu den Tieren möglich. Er bringe es nicht über sich, sie zum Metzger zu bringen. Und so stellte er vor gut zwei Wochen die Liste mit den 35 Kühen auf seine Webseite – als vielsagende Rubrik «Save a Cow».

Mehrere Standbeine

Dahinter steckt das System einer Patenschaft: Wer monatlich zwischen 25 und 90 Franken zahlt, kann eine Kuh von der Schlachtbank retten. Das Geld soll die Einkünfte kompensieren, die Haggenmacher aufgrund der geringeren Milchleistung der Kühe entgehen. Auf die spendablen Kuhfreunde wartet freilich eine Gegenleistung: Da die Patenschaft jeweils für ein bestimmtes Tier gelte, das man sich selber auswähle, habe man die Möglichkeit, dieses jederzeit zu besuchen, erklärt der Meilemer, der vor zwei Jahren an der TV-Sendung «Bauer, ledig, sucht ...» teilgenommen hat. Zudem dürften die Patenonkel und -tanten wöchentlich frische Milch auf dem Hof beziehen.

Leute auf den Hof zu bringen – sei es nun diejenigen, die sich für eine Patenschaft entscheiden, oder andere –, ist dem Bauer wichtig. «Nur so kann das Verständnis für die regionale Landwirtschaft und ihre Produktionskosten gefördert werden.» Besucher bedeuten aber ganz pragmatisch auch potenzielle Kunden für den Hofladen – ein anderes Standbein von Haggenmacher, das ihm, nebst Pferdepension, Mutterkuhhaltung, Reb- und Ackerbau, die Einbussen in der Milchwirtschaft abfedern helfen soll. «Mittelfristig ist das Ziel eine eigene Molkerei», sagt er. Bis sie gebaut und er durch ihren Betrieb von den grossen Milchverarbeitern weniger abhängig ist, dürften aber noch gut zehn Jahre verstreichen.

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