Zürich
Protest gegen Lohndiskriminierung: Diese Frauen trotzen dem Regen – oder Petrus

In Zürich demonstrieren rund 200 Frauen gegen Lohndiskriminierung.

Matthias Scharrer
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«Es braucht verbindliche Lohnkontrollen», fordert VPOD-Präsidentin Katharina Prelicz-Huber im Hinblick auf die Revision des Gleichstellungsgesetzes.

«Es braucht verbindliche Lohnkontrollen», fordert VPOD-Präsidentin Katharina Prelicz-Huber im Hinblick auf die Revision des Gleichstellungsgesetzes.

Matthias Scharrer

Liegt es nur am Regen – oder hat die Frauenbewegung so stark an Mobilisierungskraft verloren? Zu Beginn des Protestpicknicks am 14. Juni «gegen die anhaltende Lohndiskriminierung», zu dem der Gewerkschaftsbund in Zürich wie auch andernorts in der Schweiz aufgerufen hat, finden sich rund hundert Personen auf der Zürcher Münsterbrücke ein. Kein Vergleich zum Frauenstreiktag vor genau 25 Jahren: Damals legte schweizweit eine halbe Million Frauen einen Tag lang die Arbeit nieder – und forderte so die zehn Jahre zuvor in der Bundesverfassung verankerte Gleichberechtigung ein.

Nun reden erst mal alle vom Wetter und dem dafür zuständigen Heiligen: «Petrus ist ein Mann», sagt die Dietiker SP-Kantonsrätin Rosmarie Joss zu Beginn ihrer Rede auf der Münsterbrücke. Sonst würde bestimmt besseres Wetter grösseren Zulauf bringen. Die Winterthurer SP-Gemeinderätin Maria Sorgo nimmt das Stichwort auf: «Vielleicht ist Petrus ja auch eine Frau – Petra – und protestiert gegen die immer noch himmeltraurige Diskriminierung.» Zwar habe die Frauenbewegung einiges erreicht. «Doch noch immer verdienen Frauen schweizweit 15 Prozent weniger Geld als Männer. Und die Hälfte dieses Unterschieds lässt sich mit keinem Argument begründen», zitiert sie kürzlich veröffentlichte Studien. Im Kanton Zürich belaufen sich die Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau gar auf 19 Prozent. «Frauen erleben immer noch eine gläserne Decke, wenn sie ins höhere Management wollen», fährt Sorgo fort. Und wenn sie es doch vereinzelt in die Topetagen der Wirtschaft schafften, würden sie häufig schon bald wieder von dort ausscheiden. «Die Unternehmenskulturen müssen sich ändern. Es ist nicht mehr zeitgemäss, dass der mehr Lohn bekommt, der am lautesten brüllt», ruft sie den inzwischen rund 200 Demonstrierenden zu. Sorgos Aufruf wird mit Gejohle begrüsst.

«Wir erleben einen Backlash»

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Jahre ist es her, seit am Frauenstreiktag 1991 eine halbe Million Frauen in der Schweiz die Arbeit niederlegten. Zum Jahrestag fanden gestern an mehreren Orten in der Schweiz Protestpicknicks gegen die anhaltende Lohndiskriminierung der Frauen statt. Zur Kundgebung in Zürich kamen rund 200 Personen.

Dann tritt Katharina Prelicz-Huber ans Mikrofon. Die Präsidentin der Gewerkschaft VPOD war schon beim Frauenstreiktag 1991 dabei. «Damals haben wir bewiesen: Wenn Frau will, steht alles still», sagt sie. Just in diesem Moment steigt das Mikrofon kurz aus. Doch alt Nationalrätin Prelicz-Huber, die für die Grünen im Zürcher Stadtparlament sitzt, lässt sich nicht beirren. «Wir erleben einen Backlash», fährt sie fort. «Man sagt: Ihr habt doch die Gleichstellung jetzt im Gesetz verankert.» Gemeint ist das Gleichstellungsgesetz, das vor genau 20 Jahren in Kraft trat. «Aber die Realität sieht anders aus.»

Auch Prelicz-Huber erwähnt die 15 Prozent Lohnunterschied zwischen Mann und Frau in der Schweiz. «Mindestens die Hälfte davon ist reine Diskriminierung», sagt sie – und kommt auf die Revision des Gleichstellungsgesetzes zu sprechen, die die bürgerliche Mehrheit im Nationalrat verschieben wollte: «Es braucht verbindliche Lohnkontrollen», fordert die VPOD-Präsidentin. Sie kündigt Widerstand an, falls die Revision des Gleichstellungsgesetzes gestoppt werden sollte.

Dann ist das Mikrofon offen. Eine Pflegefachfrau des Zürcher Unispitals ergreift das Wort: «Wir übernehmen im Berufsalltag immer mehr Aufgaben, die im Berufsbeschrieb nicht enthalten und daher nicht lohnrelevant sind», klagt sie. «Wir sind nicht mehr bereit, mehr Aufgaben und mehr Verantwortung für den gleich schlechten Lohn zu übernehmen.» Eine andere Aktivistin weist auf eine Protestaktion im Hauptbahnhof hin und ruft: «Wir wollen nicht nur einen Teil vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei.» Eine Kundgebungsteilnehmerin, die in der Filmförderung arbeitet, weist darauf hin, dass ein Grossteil der staatlichen Filmförderung an Projekte von Männern gehe. Und eine alte Gewerkschafterin ruft – auf ihren Rollator gestützt – zum Mitmachen in der Gewerkschaftsbewegung auf, um den Kampf für gleiche Löhne fortzusetzen. Heftiger Regen setzt ein. Die Demo löst sich allmählich auf. Am Brückengeländer bleibt noch ein grosses rotes Transparent hängen. «Lohnkontrollen jetzt», steht darauf.

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