Vilvoorde (BEL)
Präventionsleiterin über Dschihadisten-Hochburg: «Die Jugendarbeit hat man dort lange vernachlässigt»

Mit einer Zürcher Delegation besuchte Françoise Vogel, die Winterthurer Leiterin für Prävention, die einstige Dschihadisten-Hochburg Belgiens.

Till Hirsekorn
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Françoise Vogel. zVg

Françoise Vogel. zVg

Frau Vogel, von Vilvoorde aus sind innert weniger Jahre 28 Erwachsene und Jugendliche nach Syrien in den Dschihad gezogen. Wie sieht es dort aus? Grau und trostlos wie in den Banlieues?

Françoise Vogel: Nein, auf den ersten Blick eher unspektakulär und ruhig, kein Moloch, wo Frauen nur in Burkas umherlaufen. Die Stadt zählt nur 43 000 Einwohner, aber Ausländeranteil und Arbeitslosigkeit sind überdurchschnittlich hoch und die muslimische Gemeinde, vor allem mit marokkanischem Hintergrund, ist sehr gross.

Wie sah Ihr Tagesprogramm aus?

Es begann mit einer Begrüssungsrede des Bürgermeisters, in der er uns die Entwicklung des Vilvoorder Radikalisierungsproblems schilderte. Relativ schnell sei klar gewesen, dass man handeln und dabei alle mit ins Boot holen müsse, auch die Muslime.

Wie hat man reagiert?

Die Stadt hat eine Fachstelle für Radikalismus gegründet, die in einem Drei-Säulen-Modell «Prävention – Intervention – Repression» alle involvierten Stellen vernetzt. Bei der Prävention geht es um die Früherkennung von Radikalisierung, in der Schule, aber auch in der Freizeit, bei der Intervention darum, mit der gefährdeten Person direkt zu arbeiten und die Motive und möglichen Auswege zu finden. Wenn alles nichts nützt oder es schon zu spät ist, braucht es repressive Massnahmen: Polizei und Strafbehörden werden eingeschaltet.

Dieses Drei-Säulen-Modell ist eigentlich nichts Neues.

Ja, aber entscheidend ist, wie es im Detail aussieht. In Vilvoorde etwa wird die Bevölkerung besonders breit für das Thema Radikalisierung sensibilisiert, damit Anzeichen früh erkannt und der neuen Fachstelle gemeldet werden.

Schafft man damit nicht ein Klima des Misstrauens?

Nicht wenn man sich an eine Fachstelle wenden kann, die einen ersten Verdacht entsprechend einordnet, vielleicht relativiert und so für Aufklärung sorgt. Es ist als Hilfestellung gedacht. Ein Beispiel: Nach Anschlägen wie in Nizza wurden die Schulen in einem Schreiben informiert, wie sie den Vorfall in der Klasse ansprechen könnten.

Wo wurde denn in Vilvoorde vor allem für den Dschihad rekrutiert?

Berüchtigt war ein Platz unter den Viadukten einer stillgelegten Eisenbahnbrücke, wo auch viel mit Drogen gedealt wurde. Die Stadt hat den Platz geräumt und aufgewertet. Heute stehen dort Fussballfelder und Spielplätze. Ähnlich hat Zürich in den 1990er-Jahren beim Platzspitz und Letten reagiert. Damit haben wir insofern bereits Erfahrung.

Mit dem Ergebnis, dass die Szene zwar gesprengt, aber nicht aufgelöst wurde.

Gerade deshalb braucht es die flankierenden Massnahmen des Drei-Säulen-Modells. In Vilvoorde scheinen sie zu funktionieren. Seit 2014 sind keine neuen Fälle von radikalisierten Muslimen oder gar Dschihad-Reisenden bekannt geworden. Das ist, was man auf lokaler Ebene leisten kann. Organisierte kriminelle Netzwerke aufzudecken und zu zerstören ist wiederum Aufgabe der nationalen Straf- und Ermittlungsbehörden. Die lokale Polizei, die Jugendbeauftragten und Brückenbauer sind auch in Vilvoorde stark involviert. Interessant ist zudem: Die Jugendarbeit hat man dort lange vernachlässigt und nun neu aufgebaut. Im Nachbarstädtchen waren solche Strukturen bereits etabliert – und man zählte keinen einzigen Dschihadisten, trotz des hohen Anteils an Muslimen.

Was sind weitere Lehren, die Sie für Winterthur mitnehmen?

Beeindruckt hat mich, dass Muslime nicht nur am runden Tisch, sondern direkt und als Mitarbeiter in der Verwaltung mitwirken, in der Jugendarbeit zum Beispiel. So baut man natürlich Hürden ab.

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