Coronavirus
Pflegekräfte können Kurse für die Intensivstation besuchen, das Interesse ist aber beschränkt – wieso?

Im Kanton Zürich besuchten etwa 120 Pflegefachpersonen einen Schnellkurs für eine Weiterbildung in der Intensivpflege. Allerdings fordert die Krise mehr.

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Ein Weiterbildungskurs für Pflegende brachte lediglich 120 Anmeldungen ein. (Symbolbild)

Ein Weiterbildungskurs für Pflegende brachte lediglich 120 Anmeldungen ein. (Symbolbild)

Ardizzone

Wie die «NZZ» am Montag berichtet, gingen ungefähr 120 Pflegefachpersonen während der Corona-Krise einen Schnellkurs besuchen, damit sie sich in der Intensivpflege weiterbilden können. Die Weiterbildung besteht hierbei aus einem viertägigen Theoriekurs und fünf Praxistagen auf der IPS im Spital Triemli. Diese Pflegefachpersonen sind dann allerdings Unterstützung und nicht Ersatz der Intensivpflege-Experten. Anspruchsvollere Aufgaben als das Umlagern von Patienten im Koma oder das Aufziehen von Medikamenten wie beispielsweise der Umgang mit Beatmungsgeräten sind für sie tabu.

«Ohne sie wäre es für uns ganz schwierig geworden», sagt Melanie von Bresinski, die Leiterin Pflege Intensivstation am Triemli, im Bezug auf 27 Pflegende des Stadtspitals Waid und Triemli, welche die Weiterbildung besuchten. «Wir brauchen diese Hilfe unbedingt.» Die Lage auf den IPS im Spital ist zwar stabil aber dennoch angespannt, so die Klinik. Die Dauerbelastung der Corona-Pandemie und der anderen schwerkranken Patienten ermüdet die Pflegenden.

Etwas gebessert hat sich die Lage in anderen Spitälern in den letzten Tagen. Das Universitätsspital Zürich hat eine ähnliche Lage wie das Spital Triemli. Die Betten der sechs Intensivstationen waren Mitte Monat quasi vollständig belegt, von einer Entspannung kann trotz generell rückläufigen Zahlen noch nicht die Rede sein. Grund: Respekt vor dem mutierten Coronavirus. Man befürchtet, dass die Varianten zu steigenden Ansteckungszahlen und so zu mehr Hospitalisierungen führen.

«Der Tod ist präsent auf der IPS»

«Unsere Erwartungen können sich nur auf Vermutungen abstützen, basierend auf den Entwicklungen, die man in England und Irland sowie zum Teil auch schon in Spanien und Portugal beobachten kann. Diese Mutation hat das Potenzial, eine sehr heftige dritte Welle mit einem enormen Anstieg der Erkrankungsfälle in kurzer Zeit auszulösen.», so Andreas Zollinger, Medizinischer Direktor der Stadtspitäler Waid und Triemli. Weiter meint Zollinger, dass die Spitäler insgesamt und die Intensivstationen zuerst und am stärksten überlastet sein werden. «Unsere Hoffnung ist, dass dies nicht eintrifft.»

«Der Tod ist präsent auf der IPS», sagt ein Pflegefachmann, welcher ebenfalls den IPS-Unterstützungskurs besuchte, «und der Austausch mit den Angehörigen ist intensiv. Man möchte am Abend zufrieden heimgehen, doch das gelingt nicht immer, auch wenn wir unser Bestes geben.» Ferner hätte er ständig im Hinterkopf, dass er damit rechnen müsse, das Virus von der Arbeit nach Hause zu bringen. «Regelmässig gibt es Debriefings, in denen wir belastende Situationen besprechen und reflektieren können», sagt er. Dabei werde vieles aufgefangen.

Am Universitätsspital werden Absolventen vor allem auf Nicht-Covid-19-Stationen eingesetzt. Dort unterstützen sie Intensivpflege-Experten. Diese Teams arbeiten mit reduziertem Personal, da die Intensivpflege-Experten teils in die Covid-19-Intensivstationen versetzt wurden. «Die Betreuung der Covid-19-Patienten ist auch für die Intensivpflege-Experten fordernd», so Simone Stein, Leitung Pflegedienst am Institut für Intensivmedizin. «Die Unterstützung durch die Kursteilnehmer ist sehr hilfreich», fährt sie fort. «Nicht zu unterschätzen ist das Signal, das vermittelt wird: In der Krise hilft man sich und steht zusammen.»

Tropfen auf den heissen Stein

Die Gesundheitsdirektion initiierte die Weiterbildungen in IPS-Unterstützungspflege letzten Sommer. Die Sofortmassnahme wurde einberufen, als man sich dessen bewusst wurde, dass es IPS-Engpässe geben würde. Das erklärt Sibrand Houtman von der Abteilung Versorgungsplanung. Die Kurse werden von der Höheren Fachschule Z-INA für Intensiv-, Notfall und Anästhesiepflege durchgeführt.

Houtman, selber Intensivmediziner, beschreibt, wie man zusätzliche Beatmungsgeräte für die IPS beschafft und sich gleichzeitig überlegt habe, wie man das Personal unterstützen könne. «Einige Spitäler führten halbtägige Kurse durch, in denen sie Pflegefachpersonen anlernten», sagt er, «Schnell zeigte sich: Das funktioniert nicht wirklich gut.»

Der Schnellkurs wurde zusammen mit dem Unispital Zürich und der Fachschule Z-INA konzipiert. Kostenpunkt von Theoriekurs und Lohnkosten für den Arbeitsausfall der Teilnehmer: Laut Outman rund 800'000 Franken.

Laut Susanne Schuhe, Leiterin von Z-INA, sei das Kursangebot ein Tropfen auf den heissen Stein. «Es ist in einer akuten Krisensituation sinnvoll. Aber es hilft nicht gegen den ständigen Mangel an IPS-Personal.» Die Gründe seien ihr zufolge: Gestiegene Anforderungen, hohe körperliche und psychische Belastung. Patienten würden unter zunehmend komplexen Krankheiten leiden. Dazu kommen ethische Probleme. «Höhere Löhne könnten ein Anreiz sein», so sagt sie: «Es fehlt aber vor allem auch an flexiblen Arbeitszeitmodellen.»

Mangelnde Nachfrage

Der Weiterbildungskurs ist eine Zürcher Erfindung. Er wird von der Z-INA bald zum vorerst letzten Mal für Pflegende aus anderen Kantonen durchgeführt. Der Grund: Mehr als 120 Anmeldungen gab es schlichtweg nicht. «Die Spitäler konnten zudem im Sommer, als die Pandemie etwas abflachte, nicht unbeschränkt Personal in Weiterbildungen schicken. In dieser Zeit hat man Operationen nachgeholt, die im Frühling verschoben wurden.»

Wie wird die Gesundheitsdirektion die IPS also für zukünftige Krisensituationen oder Pandemien rüsten? Da heisst es, dass es für die Absolventen des Kurses bis zum Spätherbst dieses Jahres Wiederholungskurse geben wird, um das Wissen aufzufrischen. Ausserdem wird der Kanton Spitäler dabei unterstützen, den Bedarf an Personal aus- und weiterzubilden.

«Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass diese Ausbildungsplätze zwar angeboten werden. Mangels Interessenten gelingt es aber nur zum Teil, diese Plätze zu besetzen.» Der Kanton wird unter anderem finanziell die Werbung von Nachwuchs unterstützen.