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Wie der Finanzplatz und die Industrie in Zürich auf Sklaverei aufbauten

Alfred-Escher-Denkmal in Zürich: Auch die Stadt investierte in den Sklavenhandel.

Alfred-Escher-Denkmal in Zürich: Auch die Stadt investierte in den Sklavenhandel.

Eine historische Studie der Universität Zürich zeigt die Anfänge der Globalisierung Zürichs auf.

Mit Alfred Escher wird Zürich wohl nie fertig. Rund um den 200. Geburtstag dieses Gründervaters der modernen Schweiz flammte die Diskussion um Verwicklungen der Familie Escher in die Sklaverei erneut auf. Der Zürcher Gemeinderat verlangte eine historische Studie dazu. Diese liegt nun vor, verfasst von Historikern der Universität Zürich. Und sie zeigt auf, dass die Verwicklungen weit über die Eschers hinausgehen. Vom Söldnertum über die Anfänge des Finanzplatzes bis hin zur Maschinenindustrie: Die Sklaverei war prägend in Zürichs Entwicklung zur global vernetzten Stadt. Die öffentliche Hand mischte dabei mit. «Auch wenn wir keine eigenen Kolonien hatten – wir haben eine koloniale Vergangenheit», sagte Stadtpräsidentin Corine Mauch gestern bei der Präsentation der Studie.

Zürich gab Sklavenhaltern und -händlern Geld

Ab dem 16. Jahrhundert traten Zürcher Söldner auch im Zuge der kolonialen Expansion auf. «Ihre Aufgaben reichten vom klassischen Dienst in einer Armee über Bewachungsaufgaben auf Schiffen oder Plantagen bis hin zur Verfolgung von geflohenen Sklavinnen und Sklaven», heisst es in der Studie.

Stadtpräsidentin Corine Mauch über das Thema Sklaverei und wie Zürich darin verwickelt war

«Das Wichtige ist die Anerkennung, dass es diese Vergangenheit gibt»: Am Dienstag äusserste sich Stadtpräsidentin Corine Mauch gegenüber den Medien zum Thema.

 

Zürich hatte zwar im Zuge der Reformation die Leibeigenschaft 1525 abgeschafft. Nichtsdestotrotz etablierte sich die Sklaverei als globales Geschäftsmodell mit Zürcher Beteiligung. So hatte der Stadtrat einen gewissen Johann Konrad Winz 1786 aus politischen Gründen verbannt. Doch der Zürcher Rat gab ihm finanzielle Unterstützung für den Kauf einer Plantage mit Sklavinnen und Sklaven in Guayana.

Die Stadt Zürich investierte auch direkt in die Sklaverei, etwa indem sie im Jahr 1727 Aktien der South Sea Company kaufte. Diese hatte damals das Monopol auf den Sklavenimport in die spanischen Kolonien Südamerikas. Damit beteiligte sich die Stadt Zürich finanziell an der Verschleppung von 36'494 Afrikanerinnen und Afrikanern, wie es in der Studie heisst.

In jener Zeit entstandene Zürcher Banken wie die halbstaatliche Bank Leu und die Privatbank Hottinger investierten als Geldgeber ebenfalls in den Sklavenhandel. So liefen in den Jahren 1791 und 1792 mit finanzieller Beteiligung von Hottinger zwei Sklavenschiffe in Le Havre aus. Eines lud in Westafrika 428 Sklavinnen und Sklaven, von denen 67 bei der Überfahrt nach Kuba starben. Das andere verschleppte 386 Menschen aus Westafrika, von denen 351 in Martinique ankamen.

Die Bank Leu investierte zudem mittels Aktienkäufen in den dänischen Sklavenhandel. Insgesamt wurden mit Schweizer finanzieller Beteiligung laut der Studie mindestens rund 170'000 Menschen als Sklaven verschleppt. Fazit: «Zürcher Kapital finanzierte einen kleinen, aber nicht unbedeutenden Teil des Sklavenhandels und der transatlantischen Plantagenwirtschaft.»

Gleichzeitig kam im Raum Zürich die Textilindustrie auf. Ihr wichtigster Rohstoff war Baumwolle. Und die stammte ab 1800 grösstenteils aus den USA, von Sklavenhänden gepflückt. Die Region Zürich zählte zu den wichtigsten baumwollverarbeitenden Regionen Europas. 1805  nahm in Zürich die von Hans Caspar Escher und Salomon von Wyss gegründete Baumwollspinnerei Escher, Wyss & Cie. den Betrieb auf. Auch ihre Produktion basierte grossteils auf Baumwolle von amerikanischen Sklavenplantagen. Später entwickelte sich daraus ein Grosskonzern der Maschinenindustrie, die im 20. Jahrhundert massgeblich zum Wohlstand der Schweiz beitragen sollte.

Die Sklavenplantage der Eschers auf Kuba

Womit wir bei Familie Escher wären. Alfred Escher (1819-1882), Zürcher Politiker, Gründer der Schweizerischen Kreditanstalt (heute Credit Suisse), des Eidgenössischen Polytechnikums (heute ETH), Bahnpionier und vieles mehr, «war nicht selbst am Sklavenhandel beteiligt und hat auch keine Sklavenplantage betrieben», heisst es am Ende der Studie. «Der Fall Escher ist eine Familiengeschichte, in der der Grossvater, der Vater und zwei Onkel Alfred Eschers eine Rolle spielten.» Seine Onkel hatten auf Kuba eine Kaffeeplantage mit rund 90 Sklaven betrieben. Sein Vater verkaufte diese um 1848. Mit welchem Erlös, ist unklar – und damit auch, ob und wie viel Geld aus Sklavenarbeit später in Alfred Eschers Unternehmungen einfliessen konnte. Die Eschers bemühten sich um Diskretion. Denn Sklaverei war zu jener Zeit auch in der Schweiz längst verpönt.

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