Horgen

Mustafa Kateb flüchtete aus Afghanistan in die Schweiz – jetzt übersetzt er Kinderbücher

Die Geschichte vom «Schellen-Ursli» erinnert Mustafa Kateb an das Leben in den Bergen von Afghanistan.

Die Geschichte vom «Schellen-Ursli» erinnert Mustafa Kateb an das Leben in den Bergen von Afghanistan.

Was «Maiensäss» auf Persisch heisst: Im Gespräch Mustafa Kateb kam vor fünf Jahren als Flüchtling aus Afghanistan in die Schweiz. Inzwischen hat der 31-jährige Horgner zwei Schweizer Kinderbuchklassiker in seine Muttersprache Farsi übersetzt.

«Der Hase mit den himmelblauen Ohren» – dieses Kinderbuch spielt für Sie eine besondere Rolle.

Als ich den Titel zum ersten Mal las, fand ich ihn sehr schön. Er löst in mir gute Gefühle aus.

Worum geht es in dieser Geschichte?

Vorname Name: Die Ohren des Hasen sind anders als bei anderen Hasen. Er schämt sich und denkt, er gehöre nicht in diese Gesellschaft. Deshalb macht er sich auf den Weg, um eine Gesellschaft zu finden, in der er leben kann. Dabei trifft er unter anderem einen Kaminfeger und einen Koch. Aber erst, als er sich sagt: «Ich bin ein Hase», findet er sein Glück. Er hat verstanden, dass er sich akzeptieren und nicht andere kopieren muss.

Wie sind Sie auf dieses Kinderbuch gestossen?

Meine Deutschlehrerin hat mir das Buch geschenkt. Es war Zufall, dass ich gerade mit diesem Buch von Max Bolliger, illustriert von Jürg Obrist, in Kontakt gekommen bin.

Und dieses Buch haben Sie auf Farsi übersetzt?

Ja, Farsi (Persisch) ist meine Muttersprache, und ich wollte dieses Buch für die Kinder in Afghanistan übersetzen.

Wie sind Sie vorgegangen?

Ich habe das Buch mehrmals gelesen und zunächst die wichtigsten Wörter übersetzt. Dann ging ich daran, den ganzen Text zu übersetzen.

Wie lange haben Sie für die Übersetzung der 32 Seiten gebraucht?

Während zweier Wochen habe ich täglich vier bis fünf Stunden daran gearbeitet.

Wie kommt dieses Buch nun zu den Kindern in Afghanistan?

Ich bin in Kontakt mit einer Gruppe von Freiwilligen innerhalb und ausserhalb von Afghanistan, die sich sehr für die Kinder dort einsetzen. Wir übersetzen Kinderbücher in alle drei Hauptsprachen des Landes; neben Farsi sind das Paschtu und Usbeki. Mit der Hilfe dieser Leute kann ich das Buch in Afghanistan drucken und veröffentlichen lassen. Ich möchte, dass auch afghanische Kinder den Hasen mit den blauen Ohren kennen lernen dürfen.

Was für eine Botschaft bringt das Buch afghanischen Kindern?

Das Buch behandelt ein wichtiges, universales Thema: Selbstbewusstsein. Das ist nicht nur für Kinder wichtig, sondern auch für ältere Menschen.

Haben Sie aus der Arbeit an diesem Buch auch für sich selber etwas gelernt?

Ich habe viel über die Arbeit des Übersetzers gelernt. Zum einen, wie viel Zeit eine Übersetzung braucht. Dann habe ich aber vor allem auch gemerkt, wie interessant eine Sprache wird, wenn man vertieft mit ihr arbeitet, wie (sucht ein Wort im elektronischen Wörterbuch) «genussreich».

Als Zweites haben Sie sich einen der grössten Klassiker der Schweizer Kinderbuchliteratur vorgenommen: «Schellen-Ursli» von Selina Chönz mit den Illustrationen von Alois Carigiet. Was für Erfahrungen haben Sie mit diesem Buch gemacht?

Es war viel schwieriger zu übersetzen – für einen Anfänger wie mich. Es hat viel Text und ist in Reimen geschrieben. Aber auch diese Geschichte finde ich sehr schön. Sie erzählt uns, wie ein Kind eine Entscheidung trifft. Ursli möchte eine Glocke für den Umzug, bekommt aber nur eine kleine Schelle. Dadurch erhält er das Etikett Schellen-Ursli. Das macht ihn traurig. Er will etwas tun und wagt einen grossen Schritt für ein Kind. Ohne den Eltern etwas zu sagen, steigt er auf den Berg und holt die grosse Glocke.

Welche Botschaften haben Sie in diesem Buch entdeckt?

Es erzählt uns einerseits etwas über die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Vor allem aber erzählt es uns, wie ein Kind eine Entscheidung treffen kann, um eine Schmach abzuschütteln. Als der Bub mit der grossen Glocke am Umzug teilnimmt, sagt niemand mehr Schellen-Ursli zu ihm.

Werden die Kinder in Afghanistan auch die schönen Bilder von Alois Carigiet zu sehen bekommen?

Ja, bei beiden Büchern übernehmen wir die Bilder. Die Rechte sind schon lange abgelaufen, wir haben das abgeklärt.

Was haben Sie im «Schellen-Ursli» über die Schweiz erfahren?

Die Bergkultur ist sehr ähnlich wie in Afghanistan. Beim ersten Lesen habe ich mein Dorf gesehen, ich fühlte mich dorthin zurückversetzt. Wir haben zwar keine Glockenumzüge, aber andere Umzüge sehr wohl. Auch das Leben in den Bergen ist in Afghanistan ähnlich, wie es im Buch beschrieben wird.

Welche Schwierigkeiten begegneten Ihnen beim Übersetzen dieses Klassikers?

In Farsi haben wir verschiedene Wörterbücher, aber die sind alle nicht sehr aktuell. So musste ich viele Wörter zuerst auf Englisch übersetzen und dann auf Deutsch. Dazu kommt, dass jede Kultur Wörter hat, die schwierig zu übersetzen sind. So ein Wort war für mich zum Beispiel «Maiensäss». Ich habe das Wort nicht verstanden und musste meine Deutschlehrerin nach der Bedeutung fragen. Wie es auf Persisch heisst, wusste ich damit aber immer noch nicht. Ein Kollege hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass wir in Afghanistan ganz ähnliche Gebäude haben. Wir kennen auch die Lebensweise, dass die Menschen im Sommer in die Berge gehen und dort ein paar Monate leben. So habe ich das Wort schliesslich doch noch gefunden. Übersetzen braucht viel Geduld.

Übersetzen Sie auch Bücher für Erwachsene?

Ich glaube, Bücher für Erwachsene sind noch schwieriger zu übersetzen. Vor allem aber finde ich es wichtig, den Kindern etwas für ihr Herz und für ihren Kopf zu schenken. Kinder, ihre Gefühle und ihre Gedanken, bedeuten mir viel. Ich habe schon in Afghanistan in einer Nichtregierungsorganisation für Kinder gearbeitet.

Was lesen Sie selber gern?

Auf Farsi lese ich sehr gern Gedichte, beispielsweise von unseren Dichtern Rumi und Hafez. Ein deutsches Lieblingsbuch kann ich noch nicht nennen. Ausser dem «Schellen-Ursli» und dem «Hasen mit den himmelblauen Ohren» kenne ich noch nicht viele deutsche Bücher.

Sie leben seit fünf Jahren in der Schweiz. Wie haben Sie Deutsch gelernt?

Ich besuchte von Anfang an Deutschkurse. Da ich inzwischen viele Bekannte in der Schweiz habe, schreibe ich täglich Mails oder Nachrichten. Schreiben ist sehr wichtig beim Lernen einer Sprache. Wenn ich etwas nicht verstehe, schaue ich oft auf Youtube nach. Zurzeit besuche ich jeden Tag einen Intensivkurs.

Gibt es etwas, was Ihnen beim Deutschlernen besonders geholfen hat?

Das wichtigste Element ist die Motivation, dazu braucht es Offenheit und viel Geduld.

Was war Ihre Motivation?

Mein Ziel war, an der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) ein Masterstudium in Psychologie zu absolvieren. Ich habe den Bachelor an der Universität in Kabul gemacht. Dieses Ziel habe ich mir gross auf ein Blatt geschrieben und im Zimmer aufgehängt. Ich schaue es jeden Tag an. Nächstes Jahr kann ich mit dem Studium beginnen.

Nach fünf Jahren schon einen Studienplatz zu haben, ist aussergewöhnlich. Wie haben Sie das geschafft?

Ich wollte es unbedingt. Ich weiss, dass Flüchtlinge viele Probleme haben, auch Sorgen um ihre Familien, aber trotz alledem muss man geduldig und stark sein. Als ich einen ersten negativen Entscheid der Migrationsbehörde bekam, hatte ich auch Probleme. Aber ich habe nicht aufgegeben und Rekurs eingelegt.

Was möchten Sie nach dem Masterstudium machen?

Ich möchte als Psychologe arbeiten; wo das sein wird, wird sich während des Studiums entscheiden. Wenn es möglich ist, möchte ich später auch noch meinen Doktor machen. Der Schlüssel ist die Sprache, und da habe ich noch viel zu tun. Ich kann zwar deutsche Texte gut verstehen, aber als Psychologe muss ich auch sehr gut sprechen und schreiben können.

Wie gefällt Ihnen das Leben in der Schweiz?

Nach fünf Jahren fühle ich mich hier zu Hause. Ich schätze die Sicherheit und Freiheit hier und dass die Menschen freundlich sind. Ausländerfeindliche Vorfälle habe ich äusserst selten erlebt. Ich erinnere mich an die Zeit des Bürgerkriegs in Afghanistan, als Menschen aus einem anderen Kanton in unser Dorf kamen. Die Leute in unserem Dorf benahmen sich diesen Menschen gegenüber sehr schlecht. So etwas traf ich in der Schweiz nur ganz selten an.

Was vermissen Sie am meisten?

Natürlich mein Dorf, meine Eltern, Freunde und Kollegen. Ich vermisse den Geruch meines Dorfes, zum Beispiel den Duft von Raff, einer Heilpflanze, die im Frühling sehr intensiv duftet.

Hinweis

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