Interview
Multiple Sklerose: «Arbeitgeber reagieren unterschiedlich»

Die Diagnose «Multiple Sklerose» erschüttert Betroffene und ihre Angehörigen. Susanne Kägi, Beraterin bei der Schweizerischen MS-Gesellschaft, erläutert, wie Patienten und Partner mit der Diagnose umgehen können.

Bastian Heiniger
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Susanne Kägi ist gelernte Pflegefachfrau. Nach Weiterbildungen in der Beratung arbeitet sie nun für die Schweizerische MS-Gesellschaft als Bereichsleiterin Pflege und Angehörigensupport. Sie berät Betroffene, Angehörige und Fachpersonen.

Susanne Kägi ist gelernte Pflegefachfrau. Nach Weiterbildungen in der Beratung arbeitet sie nun für die Schweizerische MS-Gesellschaft als Bereichsleiterin Pflege und Angehörigensupport. Sie berät Betroffene, Angehörige und Fachpersonen.

Zur Verfügung gestellt

Wie gehen Menschen damit um, wenn sie mit der Diagnose «Multiple Sklerose» konfrontiert werden?

Susanne Kägi: Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich: Manche Leute sind im ersten Augenblick sehr schockiert, manche gehen rationaler damit um. Zwar werden Betroffene von dem zuständigen Neurologen über die Krankheit aufgeklärt, doch oft können sie diese Informationen erst gar nicht richtig verarbeiten.

Manche informieren sich schliesslich im Internet und können dann aufgrund der Informationsflut überfordert sein. Das ist in der Regel kontraproduktiv.

Und dann gelangen die Betroffenen zu Ihnen?

Sie rufen bei uns auf der Infoline an. Meistens sind viele Fragen offen: «Was genau habe ich, was bedeutet das für mich, lande ich nun im Rollstuhl, kann ich Kinder haben?»

Kann denn eine Frau mit MS gesunde Kinder bekommen?

Das geht. MS ist keine Erbkrankheit. Die werdende Mutter fragt sich oft: «Kann ich mit MS einem Kind gerecht werden?» Vor allem, wenn man aufgrund des Krankheitsverlaufs schliesslich selber Pflege benötigt.

Inwiefern können sie durch eine Beratung helfen?

Zuerst klären wir alle Fragen, die aufkommen. Etwa, ob jemand seine Ernährung anpassen muss, inwiefern jemand Sport treiben und Reisen kann. Das alles ist auch mit einer MS-Erkrankung noch möglich. Wir klären auch ab, ob jemand psychologische Betreuung braucht, und können einen Patienten dann an einen Psychologen vermitteln.

Eine solche Krankheit verändert das Privatleben komplett. Wie aber geht man mit dem Arbeitgeber um?

Am besten informiert man den Arbeitgeber nur soweit, wie es wirklich nötig ist. Etwa, wenn jemand oft fehlen muss wegen Untersuchungen. Dann sollte man Bescheid sagen, damit kein Misstrauen entsteht.

Die Arbeitgeber reagieren jedoch ziemlich unterschiedlich. Manche zeigen viel Verständnis, manche kündigen dem Kranken, weil dieser dann für den Betrieb ein zu hohes Risiko darstellt. Deshalb ist es nicht immer ratsam, direkt alles offen zu legen.

Vor allem, wenn ein Betroffener zwar einen Schub hatte, danach aber eventuell für Jahre keine Beschwerden mehr hat. Man sollte sich daher keine Hürden aufbauen, wenn sie nicht nötig sind.

Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Schwierigkeiten, um mit einer solchen Diagnose umzugehen?

Eine Krankheit zu akzeptieren, die man nicht wirklich beeinflussen kann.

Helfen Medikamente nicht?

Es gibt Medikamente, die den Krankheitsverlauf verlangsamen. Diese helfen aber nur bei Personen, die einen schubartigen Verlauf der Krankheit haben. Geht die Krankheit schleichend voran, kann man höchstens die Symptome bekämpfen.

Wie können Angehörigen von MS Patienten damit umgehen?

Manche Partner haben mehr Mühe mit der Diagnose als der Betroffene selbst. Manche reagieren sehr emotional, manche wollen dann sofort alles über die Krankheit wissen. Schliesslich verändert sich die Beziehung. Durch MS kann ein ganzes Familiensystem durcheinander kommen.

Gerade Partner müssen dann oft die Rolle eines Pflegers einnehmen. Deshalb sollten sie in die Beratung miteinbezogen werden.

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