Herr Mörgeli, im bislang unveröffentlichten Jahresbericht 2011 des Medizinhistorischen Instituts wird Ihre Arbeit in Zweifel gezogen. Sie würden Vorlesungen halten, die nicht stattfinden. Eine andere Vorlesung halten Sie gar nicht selber. Das medizinhistorische Museum sei nicht auf dem neusten Stand und die Objektsammlung teilweise in einem kritischen Zustand. Das ist massive Kritik an Ihrer Arbeit.

Christoph Mörgeli: Ich weise diese Kritik zurück. Sie enthält Fehler und ist Teil eines Mobbings, das seit Längerem gegen mich läuft.

Wer soll Sie denn mobben?

Institutsmitarbeiter und gewisse Medien. Offenbar ist es zu viel, wenn mit meiner Person ein SVP-Mitglied an der Uni arbeitet.

Meinen Sie Ihren Chef, den Institutsleiter Herrn Condrau persönlich?

Auch, aber nicht nur.

Nun wird das medizinhistorische Museum auf seine Wissenschaftlichkeit und Qualität geprüft. Das ist doch ein Affront gegen Sie?

Das kommt auf das Motiv an. Sachbezogene Vorschläge sind immer willkommen. Ich war nicht untätig, wie man mir vorwirft. Dort, wo das Museum aufgrund der Konzeption nicht mehr ganz aktuell ist, zum Beispiel beim Thema Aids, habe ich seit Längerem Vorschläge präsentiert, aber noch nichts gehört.

Was glauben Sie, ist der Grund?

Wahrscheinlich will man mir nachher vorwerfen, es sei nichts geschehen.

Haben Sie gehandelt?

Ich habe alleine in diesem Jahr etwa 120 Seiten Konzeptarbeit für meinen Direktor abgeliefert.

Wahr ist aber auch, dass zum Beispiel der Ausstellungsfehler – Aids sei nicht behandelbar – schon lange besteht. Sie hätten Zeit gehabt zu reagieren.

Ich möchte darauf hinweisen, dass ich zahlreiche Sonderausstellungen durchgeführt und so das Museum so lebendig gehalten habe. Zudem habe ich die Dauerausstellung immer wieder erneuert. Ich habe viel publiziert, mehr als alle andern am Institut. Das Detail, auf das Sie ansprechen, habe ich nicht für so wichtig gehalten, um es prioritär zu behandeln.

In welchen Bereichen haben Sie das Museum erneuert?

Im Bereich optische, akustische und technische Mittel, Tonträger mit englischen Texten, Bilder und Objekte.

Sie sind für die Objektsammlung verantwortlich. Diese ist teilweise in einem schlechten Zustand.

Wo dies der Fall ist, habe ich seit Längerem Vorschläge gemacht, wo man die betroffenen menschlichen Teile hingeben soll. Nämlich an die Anatomie.

Was heisst seit Längerem? Sie sind seit 27 Jahren dabei.

Seitdem zum ersten Mal die Objektsammlung kritisiert worden ist.

Also im Herbst 2011, als ein externes Expertenteam die Objektsammlung beanstandet hat.

Ja. Ich habe sofort einen Präparator beauftragt, die Präparate aufzufüllen.

Sie behaupten, keine Kenntnis vom Jahresbericht zu haben. Das ist kaum zu glauben, denn er war im Intranet aufgeschaltet.

Ich habe erstmals vom Inhalt erfahren, als mich der «Tages-Anzeiger» damit konfrontierte.

Niemand, der zu Ihnen gekommen ist und gesagt hat: Herr Mörgeli, haben Sie den Bericht gesehen?

Niemand ist zu mir gekommen.

Haben Sie ihn sich mittlerweile besorgt?

Nein. Ich werde ihn mir nicht auf verschlungenen Wegen besorgen. Ich möchte ihn auf offiziellem Weg erhalten.

Der Jahresbericht ist seit Februar 2012 fertiggestellt. Warum ist er noch immer unter Verschluss? Die Universitätsleitung selbst führt angebliche Persönlichkeitsverletzungen im Text an. Die können aber in ein paar Wochen bereinigt werden.

Offensichtlich liegt eine Weigerung vor, diese zu beseitigen.

Sie sagen, jemand weigert sich, die angeblichen Persönlichkeitsverletzungen zu ändern. Das kann nur ihr Chef Herr Condrau sein, der ihn verfasst hat.

Ich gehe davon aus. Dann müsste die Uni handeln und ein Disziplinarverfahren gegen Herrn Condrau eröffnen.

Wenn in der Privatwirtschaft jemand ein solches Arbeitszeugnis erhält, wie es der Jahresbericht 2011 tut, dann müsste der Betreffende mit ernsthaften Konsequenzen bis hin zu einer Kündigung rechnen.

Der Bericht ist fehlerhaft und verleumderisch. Deshalb kann er nicht als Grundlage für eine Beurteilung dienen.

Ihr Chef kritisiert Ihre Arbeit heftig und steht nicht mehr zu Ihnen. Werden Sie die Uni verlassen?

Ich bin eines von 10 000 Mobbingopfern in der Schweiz. Ich habe als Nationalrat eine gewisse Vorbildfunktion. Ich möchte zeigen, dass man hier nicht den Kopf einziehen und davonrennen darf, sondern sich wehren muss.

Sie stellen sich als Mobbingopfer dar. Aufgrund eines externen Expertenteams prüft die Universität Zürich nun aber, ob das Museum, das Sie leiten, wissenschaftlichen und museologischen Ansprüchen an ein universitäres Museum genügt? Das sind handfeste Fakten.

Das externe Expertenteam besteht aus Netzwerken, das ich genau kenne.

Sie wollen damit sagen, dass das Netzwerk Teil eines Planes ist, der Sie aus dem medizinhistorischen Institut verdrängen soll?

So ist es. 2006 hat eine wissenschaftliche Evaluation unseres Institut ergeben, dass 99 Prozent der Besucher des Museums wiederkommen würden. Ich habe nie den Anspruch gehabt, ein Museum für Fachkollegen zu machen, sondern für eine breite Bevölkerung. Das sehe ich auch als meinen Auftrag.

Wenn es einer breiteren Bevölkerung entsprechen würde, müssten die Besucherzahlen nicht besser sein?

10000 bis 15000 Besucher im Jahr ist eine schöne Zahl. Diese Aufmerksamkeit hat bei Weitem nicht jedes Institut der Uni. Etwa das Völkerkundemuseum, das ganz andere räumliche und personelle Möglichkeiten hat. Das Medizinhistorische Museum ist auch, wie es ist, weil man mir keine Museumsassistenz mehr bewilligt hat. Es besteht aus 105 Prozentstellen bei den Wissenschaftlern.

Der Bruder und der Sohn von Kurt Reimann, dem Generalsekretär und Stellvertreter des Uni-Rektors, sitzen mit ihnen in der SVP-Nationalratsfraktion. Ist das der Grund, warum der Jahresbericht und die darin enthaltene Kritik unter Verschluss bleiben?

Das hilft mir überhaupt nichts. Es ist nicht so, dass ich den Bericht unter Verschluss hätte halten können. Offenbar ist es gewissen Medien zu viel, wenn in meiner Person ein SVPler an der Uni ist und ein Vater eines SVPlers der nicht mal einer Partei angehört.

Herr Mörgeli, hat die Uni-Leitung Angst vor Ihnen, dass der Bericht nicht veröffentlicht wird.

Die Uni will korrekt handeln und sich angesichts der persönlichkeitsverletzenden Passagen nicht einem rechtlichen Risiko aussetzen.