Stadtleben

Mehr Velos, weniger Pendler und kaum Clubleben: Was die Pandemie für Zürich bedeutet

Touristen steigen aus einem Limmatschiff in Zürich. (Archivbild)

Touristen steigen aus einem Limmatschiff in Zürich. (Archivbild)

Das Coronavirus verändert unser Leben, egal ob es ums Einkaufen oder um unser Freizeitverhalten geht. Auch ob wir Auto oder Zug fahren, ist seit Corona für viele eine neue wichtige Frage geworden. Was aber bedeutet das alles für eine Stadt? Eine Analyse am Beispiel Zürich.

Seit dem Ausbruch des Coronavirus ist das Fahrrad beliebt wie nie zuvor. Viele Zürcherinnen und Zürcher fahren mehr Velo, die Zahl der E-Bike-Verkäufe in der Schweiz ist explodiert. Auch das Autofahrverhalten hat sich verändert. Zu Beginn des Lockdowns wollte kaum noch jemand ins Auto steigen, inzwischen haben sich diese Zahlen wieder normalisiert. Nur die Nachfrage nach Zug, Bus und Tram ist nach wie vor gering, wie die "NZZ" in einer Analyse mit Zahlen der ETH feststellt. 

Pendler, die nicht mehr Zug fahren, steigen meistens aufs Auto oder aufs Fahrrad um. Diese Entwicklung ist eher ein Problem für klassische Pendlerstädte, Orte also, die ausser attraktiven Verkehrsverbindungen nicht viel zu bieten haben, meint Alice Hollenstein gegenüber der "NZZ". Hollenstein ist stellvertretende Direktorin von Curem, dem Center for Urban & Real Estate Management der Universität Zürich.

Mehr Autos bedeuten mehr Abgase und mehr Lärm

Pendler, die vom Zug aufs Auto umsteigen, sorgen für mehr Lärm, Abgase und Staus. Das verschlechtert die Lebensqualität einer Stadt.

Hollenstein erklärt dazu gegenüber der "NZZ", dass es an den Städten liege, die Aufenthaltsqualität hoch zu halten. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo habe letzthin ihre Wiederwahl mit einem Programm geschafft, das aufs Velo und urbane Freiräume gesetzt habe. Zum Beispiel will sie den legendären Boulevard péripherique, die stark befahrene Ringstrasse rund um Paris, abklassieren. Auch in der Stadt Zürich sei eine solche Politik mehrheitsfähig. Man denke nur mal an die vielen neuen Tempo-30-Zonen. Auch dank Elektrofahrzeugen sollen Abgase und Lärm künftig abnehmen.

Land statt Stadt

Die Corona-Krise hat das Home-Office wieder attraktiv gemacht. Auch viele Arbeitgeber zeigen sich jetzt dem Modell gegenüber offen. Das könnte dazu führen, dass mehr Menschen aufs Land ziehen. Denn wer nur selten ins Büro muss, kann dafür auch eine längere Fahrtstrecke mit dem Auto oder Zug in Kauf nehmen. Die tägliche Belastung fällt schliesslich weg. Hübsche, nicht zu teure Kleinstädte mit viel Grün in der Nähe könnten dann auf Kosten von Zürich profitieren, so die "NZZ". Weinfelden, Wil und Schaffhausen werden als Beispiele genannt. Hinzu kommt, dass sich ein Lockdown auf dem Land besser aushalten lässt.

Für Thomas von Stokar, Geschäftsleiter des Forschungsunternehmens Infras, ist Zürich aber weit weg davon, ein Moloch zu sein: «Im Vergleich mit New York und London ist Zürich ein Kurort.» Wer in der Stadt wohne, sei gleichwohl nahe an Natur und Erholungsräumen wie dem See.

Marc Bros de Puechredon, der Vorsitzende der Geschäftsleitung von BAK Economics, rechnet laut "NZZ" ebenfalls nicht mit einer Abwendung von Städten wie Zürich, die ja in der Nähe stets Grünräume aufwiesen. Eher erwartet er ein Zusammenwachsen der Agglomerationen ausserhalb der Metropolen wie zum Beispiel im Limmattal, die dann auch noch städtischer würden.

Feststellen lässt sich jedenfalls: Die Schweizer suchen allgemein wieder mehr nach Häusern im Grünen. Der Leerstand in Zürich ist aber nach wie vor klein. 

Sollten jedoch viele aufs Land abwandern, dann würden die Mieten in Zürich sinken. In den teuersten amerikanischen Städten, beispielsweise in San Francisco, sind die Mieten bereits um teilweise mehr als 10 Prozent gefallen, wie die "NZZ" schreibt.

Der Flughafen leidet unter Corona, das hat weitreichende Folgen

Der Flughafen Zürich ist auch als Wirtschaftsfaktor wichtig. (Archivbild)

Der Flughafen Zürich ist auch als Wirtschaftsfaktor wichtig. (Archivbild)

Laut einer Studie von BAK Economics schafft der Flughafen Zürich direkt 22 000 Arbeitsplätze sowie rund 44 000 bei den Zulieferbetrieben, schreibt die "NZZ". Zudem ist er dank dem Hub-Betrieb interkontinental sehr gut vernetzt, was ihn für Geschäftsreisende und Unternehmen sehr attraktiv macht. 

Doch der Flugbetrieb ist wegen Covid-19 zusammengebrochen. Es dürfte Jahre dauern, bis er sich von dieser Krise erholt hat. Das gefährdet viele Jobs. 

Allerdings hofft man in der Branche auf das Gewohnheitstier Mensch: Marc Bros de Puechredon, der Geschäftsführer von BAK Economics, meint dazu gegenüber der "NZZ", dass Menschen nach einer Krise oft wieder in denselben Trott zurückfielen, wahrscheinlich auch beim Fliegen. «Das Bedürfnis, Menschen privat und geschäftlich zu treffen, bleibt.» Auch könnte sich der Bereich Businessflüge nach der Pandemie schneller erholen als der private Reiseverkehr. Das ist gut für Zürich, weil es hier viele Geschäftsreisende gibt.

Zürich als Stadt der Unternehmen

Laut der Standortvermarkterin Greater Zurich Area (GZA) haben sich im ersten Halbjahr etwas weniger Unternehmen in Zürich angesiedelt als im Vorjahr. Weniger Ansiedlungen wird es in Zukunft vor allem aus den USA geben, schreibt die "NZZ".

Das lebenswerte Zürich

Städte wie Zürich sind attraktiv, weil sie alles haben: Restaurants, Museen, Theater- und Konzertsäle, Bars und Klubs. Der «Economist» hat das in Bezug auf London die «flat white economy» genannt, eine Hipster- oder Latte-Macchiato-Wirtschaft also. So eine Stadt will Zürich bleiben.

Restaurant Pumpstation am Utoquai/Zürichsee am Tag vor der Schliessung wegen des Corona-Virus.

Restaurant Pumpstation am Utoquai/Zürichsee am Tag vor der Schliessung wegen des Corona-Virus.

Bisher haben die Covid-19-Kredite, Kurzarbeit und das Entgegenkommen der Vermieter das Restaurant- und Barsterben abgeschwächt. Eine zweite Welle könnte für viele in der Unterhaltungsbranche aber den Untergang bedeuten und das Stadtbild verändern.

Fazit:

Die Lebensqualität in Zürich ist hoch und wird es wohl auch bleiben. Aber das Coronavirus hat das Verhalten verändert, Kleinstädte werden also attraktiver werden, schlussfolgert die "NZZ".

Natürlich spielt es auch eine Rolle, ob die Welt das Virus bald mit einem Impfstoff in den Griff bekommt, schreibt die "NZZ" weiter, oder ob die Pandemiegefahr noch zwei Jahre bestehen bleibt, was besonders dem Nachtleben, der Event-Branche oder dem Flugverkehr zusetzen könnte. Alles hängt von dem Virus ab und wie lange es uns noch begleiten wird. (has)

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