Zeitzeuge
Kino Sternen - das ungeschützte Sex-Kino

Nur weil ein Kino alt ist, muss es nicht unter Schutz gestellt werden, sagt das Gericht.

Oliver Graf
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Das Kino Sternen in Oerlikon: Die Leinwandnische ragt erkerartig über das Gebäude hinaus – der Stadtrat wollte das Gebäude deshalb unter Schutz stellen. Key

Das Kino Sternen in Oerlikon: Die Leinwandnische ragt erkerartig über das Gebäude hinaus – der Stadtrat wollte das Gebäude deshalb unter Schutz stellen. Key

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Auf den ersten Blick scheint es unscheinbar. Seine spannende Geschichte sieht man dem Gebäude beim Vorbeischlendern nicht gleich an. Selbst die Anschrift «Erotik Cinema», die eigentlich in auffälligem Rot gehalten ist, wirkt dezent, zurückhaltend. Doch für den Zürcher Stadtrat ist klar: Dieses Sexkino in Oerlikon ist etwas Besonderes.

Er wollte es – also das Gebäude – unter Schutz stellen. Denn es handle sich um einen «hervorragenden Vertreter der Kinoarchitektur». Dieses Kino Sternen, das stirnseitig gegen die sich platzartig weitende Strassenkreuzung der Edisonstrasse und der Franklinstrasse ausgerichtet ist, sei eine der wenigen verbliebenen freistehenden Kinozweckbauten. Zudem hebt der Stadtrat als Besonderheit hervor, dass «das Medium Film formal von aussen ablesbar» bleibe. Denn der bekannte Architekt Werner Stücheli, der das Gebäude 1949/1950 erstellte, musste wegen der knappen Raumverhältnisse zu einem Kniff greifen: Um den im ersten Obergeschoss gelegenen Kinosaal zu vergrössern, liess er die Leinwandnische auf der Vorderseite über das Gebäude hinausragen; einen erkerartigen Vorsprung plante er auch auf der Hinterseite für die Kabine des Filmvorführers ein. Dieses Konzept, mit einem sozusagen in den Aussenraum expandierenden Kinosaal, gelte als singuläre Lösung, sagt er Stadtrat. Das Kino Sternen in Oerlikon gehöre deshalb aufgrund seiner städtebaulichen, typologischen, baukünstlerischen sowie sozial- und kulturhistorischen Bedeutung unter Denkmalschutz gestellt.

Wohnhaus lohnender als Sex

Die Besitzerin des Gebäudes, die das einstige Vorortskino 2002 in ein Sexkino umgewandelt hatte, wandte sich in der Folge an das Baurekursgericht. Sie will, wie dem inzwischen veröffentlichten Urteil hervorgeht, das Gebäude nämlich abreissen, da sich die erotischen Filme seit einiger Zeit finanziell nicht mehr rechnen würden. An der Franklinstrasse soll an Stelle des Kinos Sternen ein Wohn- und Geschäftshaus entstehen. Diesem Ziel ist die Besitzerin nun einen Schritt näher – denn das Baurekursgericht hat ihre Beschwerde gutgeheissen und die Unterschutzstellung aufgehoben.

Das Gericht zerpflückt die Argumente der Stadt in seinem ausführlich begründeten Urteil: Der von ihr angesprochene «optische Blickfang» resultiere heute «im Wesentlichen nur mehr daraus, dass das Gebäude mit seiner Fensterlosigkeit über das ganze hohe, langgezogene Obergeschoss völlig anders aussieht als alle anderen Gebäude im Strassenzug». Früher, in den guten, alten Kinotagen war dies noch anders, wie alte Fotos bewiesen: Eine Kunststeinplatten-Verkleidung mit Hinterbeleuchtung, auffällige Beschriftungen und Sternen-Logos sowie beleuchtete Schaufenster mit Filmfotos hätten durchaus eine «verführerische Nachtarchitektur» ergeben. Doch heute verhalte es sich endgültig nicht mehr so, schreibt das Gericht: «Geblieben ist einzig eine eher abweisend in Erscheinung tretende Gebäudehülle, frei von jeder Attraktivität.»

Ein bisschen geschichtsträchtig

Aus dem Umstand, dass die Leinwandnische und der Vorführraum über das Gebäude hinausragen, vermag das Baurekursgericht auch nichts Schutzwürdiges abzuleiten. «Dass ein publikumsorientiertes Zweckgebäude auf sich aufmerksam machen muss, dass ein Kino zum Kauf einer Eintrittskarte motivieren muss, stellt nichts Aussergewöhnliches dar, sondern bildet, letztlich ökonomisch bedingt, den Regelfall.»

Es stehe aber ausser Zweifel, dass das Gebäude als Ganzes wie auch in seinen einzelnen Teilen gut gestaltet sei, bilanziert das Gericht. Und dem Kino Sternen sei «ein gewisses, wenn gleich nur geringes Mass an Geschichtlichkeit zuzusprechen». Das reiche aber für eine Unterschutzstellung nicht aus.

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